Wir sprangen ins Boot, Poupoul voran. Er war atemlos vor Vergnügen, sobald er in ein Boot springen konnte. Die Ruder tauchten ein und das Boot trieb mit der zurückflutenden Welle hinaus. Yann saß mit gebeugtem Nacken am Steuer und folgte lauernd den Bewegungen der Wogen, wie ein Boxer jenen seines Gegners. Er schrie den Matrosen Befehle zu und sie sahen ihm gespannt auf den Mund, denn hier außen konnte man kein Wort verstehen. Wir hatten fünfhundert Meter zu rudern, aber es sah aus als sollten wir den „Arbeiter“ nie erreichen. Manchmal stand das Boot buchstäblich senkrecht.

Der „Arbeiter“ zerrte an seinen zwei Ankerketten, bäumte sich auf und schlug aus wie ein Pferd. Bald war sein Deck auf Wasserhöhe, bald schnellte es ein Stockwerk in die Höhe und der „Arbeiter“ zeigte den roten Bauch.

Zuerst stieg Yann an Bord, dann reichte ich Poupoul hinauf, der zappelte vor Erregung, zuletzt folgte ich.

Der „Arbeiter“ war in voller Fahrt. Mit all seinen sieben Knoten rannte er vorwärts und kam doch nicht vom Fleck. Ganze Häuser, ganze Straßen bebender Wassermassen warfen sich ihm entgegen. Der Abstand zwischen den Wogenreihen betrug gut zweihundert Schritt. Lange sausende Ebenen flogen heran, die Wasserberge wuchsen bebend daraus hervor, der „Arbeiter“ stieg, kletterte, sprang, glitt hinab, und die nächste sausende Ebene flog heran. Der Wind verwehte das Spritzwasser, so daß die Wogen wie mit weißen langen Wollfäden bestreut aussahen. Wie ein fliegendes schwarzgrünes Gebirge waren sie, in dessen Rinnen und Rillen der Schnee schmolz. Sie glitten blitzschnell an den Wänden des Dampfers entlang, kreiselten wütend und kletterten dröhnend und zischend an Deck. Der „Arbeiter“ troff von oben bis unten.

Eine Sturzsee prasselte wagrecht über den „Arbeiter“ dahin, vom Bug bis zum Stern, und ich bekam die volle Ladung ins Gesicht.

„Vorwärts!“ brüllte Yann und stieß mich in die Luke hinab. Es war unmöglich in der kleinen übelriechenden Kajüte auch nur eine Sekunde aufrecht zu stehen. Sie war dunkel und kreiste wie der Bauch eines Haifisches in voller Fahrt. Und es ist bekannt, daß sich ein Haifisch in Spirallinien durchs Wasser schraubt. Die Luke an der Luvseite war verschraubt und wir bekamen nur dann etwas Licht, wenn sich das Glas gegenüber über Wasser befand. Poupoul hustete ein wenig. Nun, Poupoul, du wirst doch nicht? Was fällt dir ein, ein Schiffshund! Nein, Poupoul hatte ja nur zum Vergnügen ein wenig gehustet, er fühlte sich zu Hause hier unten.

„Trinke, rasch!“ schrie Yann und goß Kognak in eine Blechkasserolle. Augenblicklich begannen wir mörderisch zu trinken, hier unten in dem kreisenden Haifischbauch blieb nichts anderes zu tun übrig, entweder oder. Also prost, meine Damen!

Ich verbrachte zwei ganz unvergeßliche Tage und Nächte auf dem „Arbeiter“.

Wenn die Flut kam, löste Yann seinen Steuermann ab. Wir mußten hinauf. Sobald wir den Kopf aus der Luke streckten, fegten Wind und Wasser wie ein Reibeisen über unser Gesicht. Dann kletterten wir zwischen zwei Sturzseen die schmale eiserne Treppe zur Brücke empor und hier banden wir uns fest. Der Sturm empfing uns mit einem pöbelhaften Triumphgeheul, als ob wir uns versteckt gehabt hätten. Das Spritzwasser trommelte auf unseren geölten Anzügen und festgebundenen Sturmhauben, und ganze Grotten von Wasser stürzten auf uns herab. Das Wasser auf der Brücke ging uns über die Knöchel, aber da wir barfüßig waren, schadete es nicht weiter. Es schwankte hin und her, bis es endlich wie ein Wasserfall die eiserne Treppe hinabstürzte. Zuweilen schlugen Bomben auf dem Dampfer ein, und Maste, Kamin, alles verschwand in einer Wolke von Gischt und Dunst.

Yann hustete fürchterlich und fluchte ununterbrochen. Er hatte sich am Sprachrohr den Mund blutig gestoßen und war wütend. Er überhäufte jede einzelne Woge mit Flüchen wie einen persönlichen Feind. So oft einer dieser fliegenden Wasserberge heranrollte, schrie er ins Sprachrohr: Zurück! — und wenn wir den Berg hinaufgeklettert waren: Vorwärts! — um den Anprall der vielen tausend Tonnen Wasser auszugleichen. Die Ankerketten strafften sich, knirschten, rasselten, der Bug sank ein, um gleich darauf einige Stockwerke emporzuschnellen. Oft legte sich der Dampfer so stark zur Seite, daß die Brücke steil wie ein Giebel stand. Das Meer war in der Nacht schwarz wie Pech und die wirbelnden Gischtkämme leuchteten wie Schnee. Creach schwang seine Lichtkegel im Kreise und beleuchtete das grauenhaft gerunzelte Meer. Der Dunst des Spritzwassers glitzerte und funkelte in seinem Lichte. Dann sahen wir auch alle sieben Sekunden das „Kamel“, das draußen in der Bai galoppierte. Das „Kamel“ war ein Felsen, hoch wie ein fünfstöckiges Haus, aber das Wasser fegte darüber hin. Zuweilen fuhr der Gischt nach allen Seiten in die Höhe, als sei das „Kamel“ soeben aus großer Höhe ins Meer hinabgesprungen.