Keine Vorwürfe — er mußte Mut sammeln für die Nacht. Denn die Nacht würde kommen, so gewiß wie etwas! Und mit ihr die furchtbaren Nachtgespenster, seine Peiniger, vor denen nur der tiefe Schlaf Schutz bot. Der Rausch, um offen zu sein, die bewußtlose Trunkenheit.
Ja, hier war er zu Hause, man sah es sofort an der Grimasse, mit der ihn der Wirt, ein Buckliger, empfing. Dieser Wirt wurde von den Soldaten, die in der Kneipe verkehrten, der „Millionär“ genannt. Ja, hoho, so ein Buckel hatte seinen Wert heutzutage, ohne Zweifel! An den Sonntagen kamen auch Munitionsarbeiterinnen hierher, und es ging lustig zu. Sie tranken — sollte man es glauben, die Kleinen? — sie tranken Schnaps wie die Männer — ah, und sie trugen seidene Röckchen. Wenn sie ihn auch etwas hänselten, es schadete nichts. Sie lachten und hatten keine Sorgen. Vielleicht flogen sie morgen in die Luft, alles war möglich, deshalb lachten sie auch so ausgelassen.
Endlich — es war schon finster draußen — kroch der Havelock die Treppe des Leihhauses empor. Längst war die kleine Wolke, auf der er stundenlang bequem dahingerollt war, verschwunden. Seine Beine zitterten vor Müdigkeit.
Leise, leise schloß er die Flurtüre auf. Er liebte es nicht, daß man ihn kommen oder gehen hörte. Drei Parteien wohnten hier, jede hatte ein Zimmer, und die Küche gehörte ihnen gemeinsam. Aber er hatte diese Küche nie betreten. Schon war er in seiner kleinen finsteren Stube, schon hatte er die Schuhe abgelegt. Plötzlich zitterte er. Ah, wenn er nur nicht wieder von dieser Schaukel träumte! Alles, nur das nicht! Träumte er doch neulich, er säße auf einer Schaukel, die durch endlose schwarze Nacht dahinschoß. Angeklammert wie ein Affe saß er auf dem schmalen, schlüpfrigen Brett, er schrie vor Angst — aber die Schaukel schoß dahin in endlosen Pendelschwingungen, jede eine Ewigkeit, ohne Gnade pfiff sie in rasender Schnelligkeit dahin.
Rasch, rasch, ehe sie ihn packten . . .
Schon schlief er. Ein leises Wimmern drang aus seinem kreisrund geöffneten Mund. Den Havelock hatte er anbehalten.
Da! Augenblicklich saß er wieder aufrecht im Bett. Seine dünnen Haare sträubten sich, der Schweiß stand auf seiner Stirn. Er dampfte vor Hitze und Kälte. Immer noch war sein Mantel feucht vom Regen der gestrigen Nacht.
Hatte nicht jemand gerufen, ihm fürchterliche Worte ins Ohr geschleudert, wie Felsen? Und ein Krachen, als berste das ganze Haus in zwei Teile, hatte er es nicht deutlich gehört? Die Balken splitterten. So deutlich!
Noch gellte das furchtbare Krachen in seinen Ohren, und erst nach geraumer Zeit fand er sich in die Wirklichkeit zurück. Zwischen einer unbekannten, ungeahnten Welt und der Wirklichkeit lebte er — seit jenen Ereignissen . . . Oft hielt ihn das Unbekannte, Unverständliche tagelang in seinem Bann, oft überfiel es ihn urplötzlich am lichten Tage — aber wiederum hatte er auch seine klaren Tage, wie er sie nannte. Da war alles so wie früher, und das andere erschien noch unverständlicher und schrecklicher.
Dunkelheit, und nun erwachten Geräusche, Geräusche dieser Welt, Gott sei Lob und Dank.