„Meine Hochachtung“, flüstert er, wie es seine Art ist, leise — er sprach jahrelang kein Wort, in einer gewissen Periode seines Lebens. „Sie treiben es nobel in diesen Tagen! Immer noch diese amtliche Sache?“
„Gestern war es leider nichts. Ich hatte versäumt — hatte ja keine Visitenkarten. Alles hat seine Formen. Plötzlich denke ich gestern: nun, und die Visitenkarten?“
Herr Herbst hatte sich verändert. Das Rasiermesser hatte Kinn und Wangen geglättet, und der Haarkranz war etwas geschnitten. Im ganzen hatte das Volumen des Kopfes nur minimal abgenommen, aber es schien, als sei der Kopf um die Hälfte eingeschrumpft. Und hinten im Nacken, wo der Hinterkopf ansetzte, waren faustgroße Höhlen sichtbar geworden. Wie in den letzten Tagen, trug er auch heute einen etwas verknüllten, zu langen schwarzen Gehrock, und wieder empfand der bucklige Wirt Hochachtung vor ihm, als er den Gehrock erblickte. Dieser kleine alte Mann, der mit dem Gläschen in der Hand vor den Munitionsarbeiterinnen tanzte und sich zum Gespött der frechen Geschöpfe machte — wer war er? Ein Heruntergekommener, ein Sonderling — er behauptete, Lehrer an einem Gymnasium gewesen zu sein, aber was behaupteten die Leute heutzutage nicht alles?
„Heute aber sollen die Karten fertig werden. Er hat mir sein Ehrenwort gegeben“, fügte Herr Herbst hinzu, und seine kleinen, etwas schmutzigen Hände rasselten gierig mit den Schachfiguren. Dieses Rasseln der Schachfiguren, immer erinnerte es ihn an einen kleinen Marmortisch mit blankgeputzter Messingeinfassung — sein Stammcafé in der Provinz, einst, lange war es her.
„Sie haben den Anzug, Herr Herbst!“ flüsterte der Bucklige und schob das spitze Kinn über das Schachbrett.
Herr Herbst griff nach dem Glas. Seine Hand zitterte. Ja, schlimme Tage hatte er hinter sich. Er zerdrückte den Wein auf der Zunge zwischen den gelben Zahnstumpen. Plötzlich sah er deutlich — sollte man es für möglich halten? — das Gesicht des Generals im Glase! Er schloß rasch die Augen und ließ das ganze Glas durch die Kehle hinunterlaufen. Noch ein Glas — und nun war er bereit.
Kraft und Mut strömten aus dem Wein.
Furcht? Nein, nein, er hatte keine Furcht.
Er nahm das Aluminiumetui aus der Tasche, zündete sich eine Zigarre an und setzte sich zurecht.
„Und nun wollen wir einmal etwas ganz Neues versuchen.“ Er zog den Turmbauern.