„Es sind einfache Streptokokken.“

„Ja, nun, Sie sagen einfache —“

„Und Pest? Auch Pest ist nur ein Wort.“

Vorlaut, immer ist dieser Junge vorlaut, dachte der General.

Otto, der Sohn des Generals, sprach mit lauter, heller Stimme, die stets etwas keck klang, selbst wenn er die harmlosesten Dinge sagte. Er sah seinem Vater auffallend ähnlich. Groß, das gebräunte Gesicht breit und brutal, die Augen hell und verwegen, aber voller Unruhe. An der Stirne, dicht neben den blonden, glänzenden Schläfenhaaren, hatte er eine Narbe, die von einem Kopfschuß herrührte, den er im Mai 1915 bei Ypern erhielt. Damals lag er ein halbes Jahr im Lazarett — aber so gering war die Eile der internationalen Generalität, daß er sein Regiment im Herbst noch an genau derselben Stelle vorfand, wo man ihn im Frühjahr weggetragen hatte. Er saß mit einer gewissen Ungeniertheit (die dem General mißfiel) im Sessel, frei und selbstgefällig, die Brust voller Auszeichnungen — im Gegensatz zum jungen Heinz Sterne-Dönhoff, der, ganz wie seine Schwestern in Schwarz, bescheiden und steif dasaß. Dieser Heinz war noch ein Knabe, schlank und zart, noch nicht neunzehn Jahre. Er trug Feldgrau und — seit heute — das Abzeichen des Flugzeugführers. Er war indessen noch nicht im Felde gewesen und lebte in der beständigen Angst, der Krieg könnte zu Ende gehen, bevor die Reihe an ihn käme. Er hatte den roten Mund eines Knaben, noch umschwebt vom Lächeln der Kindheit. Unausgesetzt waren seine blauen, strahlenden Knabenaugen voller Ehrfurcht auf den General gerichtet, auf seine Ordensschnalle, den gestickten Kragen und das weiße große Emaillekreuz, das er am Kragen trug. Was für ein Orden mochte es wohl sein? Seit dem Eintritt des Generals öffnete er den Mund nicht mehr, die Nähe eines so hohen Vorgesetzten bedrückte ihn. Er saß, bereit, jeden Augenblick aufzuspringen, wenn sich die Gelegenheit bieten sollte, dem General einen Dienst zu erweisen.

Mit großen grauen, etwas düsteren Katzenaugen saß neben Dora Hauptmann Wunderlich. Blaß und mager, sah er aus wie ein achtzehnjähriger Gymnasiast, der über Nacht ergraut war. Er lächelte nie, und wenn er — selten, ganz selten — einmal lächelte, so war es das Gespenst von einem Lächeln, das niemand ertrug. Seine gleichmäßige Miene forderte indessen auf, sich nicht im geringsten durch ihn stören zu lassen. Der Blick seiner Augen glitt in die Ferne. Auch während er sprach, schien er zu Leuten irgendwo in der Ferne zu reden und nicht zu den Anwesenden. An seiner linken, mit einem goldenen Armband geschmückten Hand fehlten einige Finger.

Hinter seinem Sessel lehnten die Krücken, womit er sich, nur mit einem Fuß den Boden berührend, wie eine Glocke dahinschwang. Hauptmann Wunderlich war schon in den ersten Wochen des Krieges durch einen schweren Brustschuß außer Gefecht gesetzt worden. Ein Jahr später wurden ihm in Rußland beide Beine zerschmettert. Hierauf ging er zur Fliegerwaffe über. Er war heute einer der bekanntesten Menschenjäger in der Luft. Er wurde in die Maschine gehoben.

Frau v. Sterne-Dönhoff mit ihren Töchtern, aus dem Halbdämmer sich abhebend — mit flachen Hüten, enganliegenden Kostümen, langen Gesichtern, steif, still, langweilig. Nur selten warfen sie ein Wort in die Unterhaltung. Sie trugen schwarze, sehr enge Glacéhandschuhe.

Und jene andere Dame, die Ätherische, die Kinn und Nase in den Muff drückte und neben Dora auf dem breiten Diwan saß, die spitzen Knie hochgezogen? Jene Dame, über deren Besuch der General so erfreut und überrascht war?

Es war eine Gräfin Heller, soeben aus der Schweiz zurückgekommen. Gräfin Heller war Spiritistin, Theosophin — alles Dinge, die den General nicht im geringsten interessierten. Sie war darüber hinaus die Schwester jenes — eben jenes „Schurken“, wie ihn der General in Gedanken nannte. Jener einflußreichen Persönlichkeit, deren Name in der Gesellschaft nur flüsternd ausgesprochen wurde. Seine Majestät hat ihm höchst eigenhändig — wissen Sie . . . Der General hatte nicht ahnen können, sie hier zu treffen. Solche Zufälle gibt es! Aber vielleicht hatte Dora ihre Hand dabei im Spiel? Dora, die mit ihrem künstlerischen Naturell auf rätselhafte Weise die Gedanken ihrer Mitmenschen erriet und alles so wunderbar zu arrangieren verstand? Wie?