Hedi ging durchs Zimmer, aber sie störte die Kleine nicht. Sie wußte genau, was in dem Brief stand, ohne ihn zu lesen. Hunderte solcher Feldbriefe hatte sie bekommen. Sie hätte Klara warnen sollen, sich mit einem Offizier einzulassen. Sie waren ja alle eitle Schwätzer, eitel und oberflächlich, nichts als Prahlereien über Kämpfe und Geschwätz über Ordensauszeichnungen. Sobald sie zur Front kamen, waren sie gänzlich wahnsinnig. Das war Hedis Ansicht.
Klara suchte Wolle, um damit ein Paar kleine Pulswärmer zu stricken. Sollte man es für möglich halten, in ganz Berlin gab es nicht einen Strang Wolle? Und früher quoll die Wolle aus allen Schaufenstern, alle Welt strickte Tag und Nacht, Deutschland war vollgestopft mit Wolle. Wie sollte man auf den Gedanken kommen, daß es einmal damit zu Ende gehen könne?
Früher — Klara erinnerte sich deutlich, damals trug sie noch Zöpfe — als der Krieg begann, gab es herrliche Dinge zu kaufen. Jetzt gab es nichts mehr, gar nichts. Höchstens Bücher und schlechte Zigaretten. Rein ausgeplündert schien diese Stadt!
Geschmackvoll und gut sollte alles sein, was sie für Heinz einkaufte — und billig. Denn Klara erhielt nur dreißig Mark Taschengeld im Monat. Sie hatte allerdings schon seit langem gespart . . . Aber allein das Medaillon hatte eine große Summe verschlungen.
„Es ist für meinen Mann, er ist im Felde“, sagte sie, wenn sie einkaufte und errötete bei der süßen Lüge.
„So jung und schon verheiratet, gnädige Frau?“
„Ja, wir sind kriegsgetraut.“
Klaras Augen strahlten. Sie wandelte im Paradies.
Häufig hielt sie sich in der Straße auf, wo Frau Sterne-Dönhoff wohnte. Nur um Heinzens Mutter und Schwestern gelegentlich zu sehen. Selten nur hatte sie Glück. Die Schwestern sahen Heinz ähnlich. Der Mund besonders! Die Damen Sterne-Dönhoff gingen immer in Schwarz. Sie trugen dicht anliegende Wollkleider, flache, schmucklose Hüte, spitze Schuhe. Die Mutter ging immer in der Mitte. Sie sprachen wenig, und sie lachten nie.
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