„Ich liebe Dich, Heinz, ich küsse Dich, ich drücke Dich an mein Herz. Dir gehöre ich, mit Leib und Seele! Mache nicht Looping und sei überhaupt vorsichtig. Ich werde stolz sein, wenn Du Auszeichnungen erhältst, aber ich liebe Dich auch so. Es ist ganz nebensächlich. Ich war in der Kirche und habe gebetet. Ich habe so schrecklich geweint, daß ich mich schämte. Ich bin ein dummes Mädchen. Ich schicke Dir hier eine neue Locke. Bitte, tue sie in das Medaillon. Ich habe sie in Weihwasser getaucht, bei der ersten hatte ich das vergessen. Verbrenne die erste, versprich es mir! Das mußt Du tun, und so wird der Talisman wirken! Ich habe so inbrünstig gebetet, und vor kurzem konnte ich überhaupt nicht mehr beten. In der Kirche waren sechs Frauen, sie beteten wie ich.

Ich lege Dir hier eine ganze Menge Briefe bei, die ich geschrieben habe in diesen letzten Tagen, jeden Tag einen, um mein Herz auszuschütten. Ich lege sie bei, obwohl sie veraltet sind. Du sollst daraus sehen, daß ich immer an Dich gedacht habe.

Von allen Deinen Kameraden ist mir der Bayer Seitz am sympathischsten. Er nimmt seinen kleinen Hund mit in die Maschine, wie rührend ist das!

Berlin ist wie immer. Die Menschen sind mißmutig und niedergeschlagen. Man könnte glauben, sie hätten alle Hoffnung verloren, und doch steht es ja besser als je, wenn man die Zeitungen liest.

Du hast mir nicht geschrieben, ob Du unseren Stern betrachtest. Zwischen zehn und elf Uhr, vergiß nicht. Gestern funkelte er herrlich, und ich mußte so schrecklich weinen. Ich bin so ein dummes Ding, denn ich bin so rasend glücklich.

Hedi ist sehr launisch. Ich glaube, sie ist nicht glücklich. Es scheint, als ob es zwischen ihr und Otto zu Ende sei. Sie spricht geringschätzig von ihm, und das finde ich nicht schön. Wahrscheinlich liebt sie ihn nicht mehr. Aber das ist ja kein Grund Schlechtes über ihn zu sagen und zu sagen, er sei eitel und eingebildet. Wir zanken uns sehr viel. Hedi glaubt nicht, daß die Liebe zwischen zwei Menschen ewig dauert. Aber ich glaube es. Und so geht der Streit hin und her. Was glaubst Du, mein Geliebter? Du brauchst auf diese Frage nicht zu antworten. Ich weiß selbst, was Du glaubst.

Ja, bei Frau v. Dönhoff habe ich Besuch gemacht. Deine Cousine ist eine originelle Frau. Ich traf sie in einem schwefelgelben seidenen Kimono, und sie kann so herrlich lachen. Es wird einem wohl ums Herz dabei! Sonst lebe ich ganz zurückgezogen, gehe auch nicht mehr ins Theater. Denn es scheint mir Sünde, daß die Menschen sich amüsieren, während andere draußen leiden. Wenn ich etwas zu sagen hätte, so würde ich alle Theater schließen. Übrigens hat sich eine schreckliche Unsitte bei uns eingebürgert. Die Leute bringen ihre Brötchen, ihr Abendessen, mit ins Theater, und sobald es dunkel wird, fangen sie an, mit dem Papier zu rascheln und zu kauen. Es ist unerträglich. Du weißt, Heinz, daß wir davon gesprochen haben, auf dem Lande zu wohnen und zu reisen. Davon träume ich. Fräulein v. Hecht, die ich bei Deiner Cousine traf, sagte, die Behörden erlauben mit Absicht Theater, Kinos und Konzerte. Das Volk solle gar nicht zum Bewußtsein kommen, es solle betäubt werden. Überhaupt — sie hat Ansichten, daß man nicht glauben sollte, sie sei die Tochter eines Generals! Wenn sie diese Ansichten öffentlich äußert, so wird man sie einsperren und das mit Recht. Und doch ist sie anziehend. Sie plauderte sehr lieb mit mir, und wir gingen ein weites Stück zusammen. Ich glaube wohl, daß ich sie lieben könnte, wenn sie nur nicht diese schrecklichen Ansichten hätte.

Otto ist noch immer im Lazarett, wird aber bald entlassen. Man sagt, daß er schrecklich niedergeschlagen sei, weil er nicht mehr zur Front zurück kann. Vielleicht sehe ich ihn aber nächstens, denn Fräulein v. Hecht hat mich gebeten, sie zu besuchen, und da treffe ich ihn vielleicht. Hedi lernt nun Schreibmaschine schreiben. Sie sagt, sie will sich nun unabhängig machen, und sobald sie Geld verdient, wird sie ihre Koffer packen. Ich traue es ihr zu, aber Papa wird ihr schon die Meinung sagen.

Heute abend werde ich wieder beten, Heinz! Ich fühle, Gott hat Dich in seinen Schutz genommen. In den letzten Jahren war ich ja leider zu einem völligen Atheisten geworden, und zwar durch Hedi, die nicht an Gott glaubt und behauptet, wenn es einen Gott gäbe, so würde er solch einen Krieg nicht zulassen, wo Millionen Menschen zerfleischt werden.

Lebe wohl, Heinz, und vergiß nicht unsern Stern. Möchtest Du bald wiederkehren, möchte der schreckliche Krieg bald zu Ende sein! Ich bete zu Gott! Mein Herz ist gequält.