Dies ist die Stunde, da die Gefangenen in all den hundert Lagern, von Menschen errichtet, um Menschen gefangenzuhalten, noch einmal an den Stacheldrähten entlangstreichen wie Tiere, bevor man sie in ihre Höhlen zurückjagt, da die Hände von Hunderttausenden von gefangenen Menschentieren sich verkrampfen um den kalten Draht. Ja, dies ist die Stunde des schrecklichen Sterbens — in Flandern und Frankreich, in Italien, Mazedonien und der Türkei, überall in dieser ganzen verfluchten Welt.

Dies ist die Stunde, da das Elend der ganzen Welt sich vertausendfacht — da das Gespenst des menschlichen Elends sich riesengroß über der Erde erhebt . . .

Ackermann watete durch die gespenstisch rote Lichtflut des sinkenden Gestirns. Blut, nicht Schein der Sonne, Blut, das von den Schlachtfeldern hereinströmt in diese Stadt und täglich steigt wie ein Meer. Er roch das Blut, er fühlte seine dampfende Wärme, genau wie damals in Flandern, als ihn dieser dicke Blutstrahl traf, der aus der Halsschlagader eines getroffenen Kameraden spritzte — und dann, ja, als sein eigenes Blut über ihn strömte. Es rann über die Scheiben der Schaufenster, es quoll aus den Haustüren, überschwemmte die Straßen, das Schloß — dort unten — schon feuchteten sich die dicken Steinmauern —

Blutige Gespenster stürzten an ihm vorbei. Schon wateten die Menschen in der roten Flut bis an die Brust, sie fühlten es nicht. Bald wird sie bis an ihre Lippen steigen. An ihren Wimpern hing das Blut, ihre Hände färbte es rot.

Erst Lügner, dann Räuber, dann Mörder — das sind die Völker Europas geworden! Dunkel rauscht die Menschheit dahin, ein Strom in der Finsternis, der nicht sein Ziel kennt . . .

„Und du, Herr, über den Finsternissen?“

„Weshalb zögerst du?“

Verzweiflung zerbrach ihn, Qual und Schmerz zerrissen sein Herz. Sein Hirn blutete, sein Hirn zersprang.

„Ja, weshalb?“

Plötzlich tastete er nach der Hauswand. Deutlich hatte er gespürt, wie er zu sinken begann, wie der wirbelnde Blutstrom ihn mit sich forttrug . . .