Der Herr mit den roten Streifen runzelte vorwurfsvoll die Stirn. Dann lösten sich seine Züge zu beschämender Zuversicht.
„Ein kleines Beispiel nur, wenn die Damen gestatten wollen — wie herrlich dieses Volk ist. Einer meiner Burschen, er begleitete mich durch den ganzen Feldzug, Jakob mit dem Familiennamen, ein Bauernsohn. Ich frage ihn, ob er nicht gerne wieder dabei wäre, da draußen, wenn es nun wieder losgeht? Natürlich möchte er das! Er strahlt über das ganze Gesicht! Sie sollten dieses Strahlen gesehen haben, Gräfin! Aber, sage ich, höre, wenn ich dich nun hier brauche? — Langes, tiefes Sinnen. Das echt deutsche tiefe Sinnen! — Dann bleibe ich bei Herrn General! — Gräfin, zwei der augenfälligsten deutschen Charakterzüge mögen Sie in dieser kleinen Szene erkennen: die dem Deutschen angeborene Kampfesfreude und seine Mannestreue —“
Die Gräfin blinzelte lächelnd mit den gepuderten Wimpern. Immer noch spricht der General. Jedes seiner Worte atmet Zuversicht. Heute abend wird Gräfin Heller jede Einzelheit des Gesprächs jener einflußreichen Persönlichkeit berichten. Jedermann weiß das. Der hohe Würdenträger ist vorzüglich informiert über die Meinungen aller Persönlichkeiten, die eine Rolle im öffentlichen Leben spielen. Sein Lächeln ist — tödlich. Ein anerkennendes Wort seiner schmalen Lippen mehr wert als eine gewonnene Schlacht. Sehr wohl weiß der General, daß man dort nur einen gesunden Optimismus liebt.
Butzi ringelte sich resigniert auf dem warmen Schoß der Herrin zusammen.
Reserven, ungeheure Reserven. Gestaffelt bis Frankfurt, Mainz, selbst Münster ist Etappe. Alles was in Rußland war — die neuen Mannschaften — eine Millionenarmee, furchtbar und stark wie am Anfang des Krieges. Wie eine unheimliche Flutwelle wird die Armee vorrollen, alles niederwerfend —
Eine andere, etwas hellere und weniger trockene Stimme sprach nunmehr. Es war der Mann mit den Krücken. Die Augen der Majorin Sterne-Dönhoff leuchteten. Die Gräfin schlürfte blinzelnd den Tee.
Ja, das Gas! Das Gas wird der Armee den Weg bereiten! Das fürchterliche Gelbkreuz und Blaukreuz. Es zerfrißt die Gasmasken, selbst Leder, jede Berührung, auch die kleinste, ist tödlich.
Die Gesichter strahlten, schon röteten sich die Wangen der Schwestern Sterne-Dönhoff und des jungen Heinz wie im Fieber. Der General blickte mißtrauisch zum gelbseidenen Vorhang. Ob nicht ein Lauscher in der Nähe sei, ein Dienstbote vielleicht. Er fand es im höchsten Grade unvorsichtig von Hauptmann Wunderlich, über diese geheimen Dinge so unumwunden zu sprechen — obschon man ja, gewissermaßen, unter sich war.
Butzi war endlich eingeschlafen.
„Gebe Gott, daß es zu Ende geht“, sagte Gräfin Heller mit einem tiefen Seufzer. „Ich möchte reisen!“