„Sie können mich nicht begreifen“, rief er aus. „Sie Glücklicher! Sie fahren ja morgen zurück zur Front!“
Otto knöpfte den Mantel fester zu. Plötzlich fror er. Der Gedanke an die Front benahm ihm für einen Augenblick den Atem. Die ganze Grausigkeit der Zone des Todes, in der es nur zerschossene Gräben, eingeäscherte Dörfer, zersplitterte Wälder gab, legte sich wie ein Alp auf seine Brust. Weshalb auch, zum Teufel, mußte er jede Minute daran erinnert werden, daß er morgen wieder zur Front zurück sollte? Jeder Mensch, der die Front nicht kannte, tat so, als fahre er zu einer Hochzeit. Ja, tatsächlich man beglückwünschte ihn! Die Leute allerdings, die sie kannten — nun, die sagten gar nichts — höchstens ein verstehendes, etwas schadenfrohes Lächeln.
Die Kälte in der halbdunkeln Straße kroch an ihm empor, in seine Uniform hinein. Er erinnerte sich voller Grauen an die Erdlöcher, in denen er, völlig unverständlich, Jahre seines Lebens verbracht hatte, an den eisigen Hauch, der von den Gräben ausging. Und plötzlich, ganz unvermutet, schnürte ihm eine sonderbare Empfindung die Brust zusammen — Angst. Ja, Angst! Gleichzeitig sah er einen Feuerschein vor seinen Augen, der ihn erschreckte: den kurzen hellen Blitz des explodierenden Geschosses. Er erbleichte. Das Geräusch einer um die Ecke fahrenden elektrischen Bahn hatte ihm das schleifende Fauchen einer Granate vorgetäuscht.
Immer noch war er schneeweiß im Gesicht und sein Herz zuckte — genau wie draußen, wenn sie heranzischten.
„Hören Sie, Heinz,“ sagte er, „wie diese Elektrische um die Kurve fährt? Genau so kreischen und fauchen die Granaten. Sie werden noch bald genug hinauskommen.“
Heinz beschleunigte unwillkürlich den Schritt. „Ich freue mich unbändig“, rief er aus, indem er die strahlenden Knabenaugen zu Otto hob. „Denken Sie, ich war fünfzehn, als der Krieg ausbrach, und ich konnte ja nicht hoffen, noch mitkämpfen zu dürfen.“
„Auch wir, wir haben uns unbändig gefreut, als die ersten Granaten einschlugen“, entgegnete Otto und gab seiner Stimme einen leichteren und heiteren Klang. Immer noch pochte und zuckte sein Herz. Er wollte Heinz auch nicht ahnen lassen, was in ihm vorging. Dieser Junge! Sollte er ihm sagen, daß er in Angstschweiß gebadet — betete? So unglaublich es klingt. Betete! Er! Übrigens — das ging ihm durch den Kopf — bei Souchez — die Toten lagen mit ihren genagelten Stiefeln in Scharen draußen — sie hatten schwere Verluste, ein abgeschlagener Angriff — da kam ein bayrischer Priester. Der stieg auf den Graben — im Feuer! — das Kreuz erhoben und segnete die Gefallenen ein. Die Franzosen schossen — aber er, er stand — mit dem Kreuz in der Hand. Friede sei mit Euch! Schrecklicher, herrlicher Augenblick! Er glaubte, glaubte! Die Kugeln waren Wind für ihn. Aber er, Otto, er betete — ohne zu glauben, das ist etwas ganz anderes. Sollte er Heinz erzählen, wie sie liefen — wie Ratten, auf die geschossen wird — hin und her — wie Ratten — von Unterstand zu Unterstand — und zwar jeden Abend? Hohoho! Es wurde Scheibe geschossen.
„Ja, auch wir haben gelacht, als die ersten Granaten einschlugen. Ich erinnere mich deutlich. Es war beim Vormarsch. Plötzlich aber hing ein Bein auf einem Obstbaum —“
„Wie? Ein Bein?“
„Ja, ein Bein. Mit dem Stiefel. Es hing im Kniegelenk auf einem Ast.“