Ein Gesicht, rosig angehaucht wie ein Steingebirge beim Ausgang der Sonne, wandelt die Linden einher.

Die Spaziergänger bleiben neugierig stehen. Einer von jenen, die Gut und Blut der Nation in den Händen halten! Ehrfürchtig lüften sich die Hüte, die Augen glänzen.

Es hätte nicht viel gefehlt, und man hätte dem General, der mit Otto die Linden entlangging, eine Ovation dargebracht, obgleich er an den Zehntausenden von Gefangenen gänzlich unschuldig war. Der General hob die Hand zum Gruße. Er nahm diese Äußerung der Begeisterung mit Würde und Bescheidenheit entgegen. Sie galt selbstverständlich nicht ihm, sie galt der unvergleichlichen Armee, sie galt den Begnadeten, Angebeteten und Vergötterten, die jetzt, in diesem Augenblick, das hohe Spiel spielten — da draußen . . .

Die Miene des Generals war verschlossen und gesammelt wie immer. Trotzdem ein großer, ja ein auffallender Unterschied! Während sich sonst der Blick in die grauen Augenhöhlen verkroch — selten nur, höchst selten bot der General seine Augen den neugierigen, zudringlichen Blicken der Mitmenschen dar — standen heute die Augen offen und blendeten. Ihr Blick war erwärmt, wie wenn die Sonne das Eis leckt. Zufriedenheit leuchtete in der Tiefe und Triumph, ein stiller, zurückgedämmter Triumph. Und zudem ging der General zu Fuß, was nur in äußerst seltenen Fällen vorkam. Zuweilen ließ er sich von Schwerdtfeger in eine entlegene Allee des Tiergartens fahren, um einige Minuten spazierenzugehen, immer hin und her, die Hände auf dem Rücken, höchstens eine Viertelstunde. Manchmal legte er auch den Weg von Dora nach Hause zu Fuß zurück, wenn es spät wurde. Aber das waren, wie gesagt, Ausnahmen.

Er hatte Schwerdtfeger vor dem Brandenburger Tore halten lassen und beschlossen, den Weg bis zu Stifters Diele zu Fuß zurückzulegen. Zur großen Genugtuung Ottos, der, seit acht Tagen aus dem Lazarett entlassen und den ganzen Tag in einem Kriegsamt tätig, das Gewimmel der Menschen liebte.

„Diese Menschen!“ sagte der General.

Und erst an jenem Tage, wie da die Linden von Menschen wimmeln würden — an jenem Tage! Kopf an Kopf, an den Fenstern und auf den Balkonen, schwarz die Dächer, die Luft erfüllt von Fliegern und Luftkreuzern. Triumphpforten, die ganzen Linden entlang, Musik — und der Schritt der siegreichen Armee, die in die Heimat zurückkehrte, dröhnend vom Morgengrauen bis zum Sinken der Sonne — jenes Dröhnen, unter dem die Welt erbebt war. Die Fahnen geschmückt mit Lorbeer . . .

Niemals konnte der General das Brandenburger Tor passieren, ohne daß die Vision des heimkehrenden Heeres vor ihm aufstieg. Heute aber hörte er in der Tat das Dröhnen der Schritte, heute sah er die bekränzten Kanonen zwischen den schwarzen Menschenmauern rollen. Diese wunderbaren, schweigenden Rohre, die so herrlich ihre Pflicht getan hatten! Das Geschrei der jubelnden Menge, Tücherwinken auf den Tribünen — gab es etwas Ergreifendes für ihn, etwas wirklich Ergreifendes, so war es dieser Gedanke. Ohne Zweifel, es würde der glücklichste Tag seines Lebens werden!

Unverkennbar, die Ähnlichkeit der beiden! Dieselben breiten Gesichter, beim Alten grau im Unterton, mit einem dünnen Anflug von Rot darüber, beim Jungen bleich, mit dem satteren Rot der Jugend auf den Lippen. Dieselben Augen, kühn und nachdenklich beim Alten, verwegen und leichtsinnig beim Jungen.

Der Alte mit einem sonderbaren Kreuz zwischen den roten Aufschlägen, der Junge die Brust mit Auszeichnungen übersät, eine Narbe an der Stirn, und die linke Hand steif in einem schwarzen Handschuh, verwundet, offenbar. Beide groß, massig.