Er begriff kaum mehr sein Denken und Tun, das nur ein Jahr zurücklag. War er es wirklich gewesen?

Zum Beispiel, als er seinerzeit bei Langemarck den schwerverwundeten französischen Offizier in den Graben holte! Holte, ganz einfach holte, und auf alle Metallstücke pfiff, die sich mit fünfhundert oder tausend Metern in der Sekunde vorwärts bewegten. Nein, heute würde er, Otto, bei Gott niemand mehr hereinholen — nicht einmal seinen Vater — höchstens ein schönes, junges Mädchen, und sie nur unter bestimmten Bedingungen.

Der Sohn des Generals war heute nichts anderes mehr als ein Schamloser, offen gesagt. Keck und herausfordernd schritt er neben dem General einher, jeden einzelnen der bewundernden Blicke genießend, die sich auf seine glitzernden Sterne und Auszeichnungen hefteten. Der Mensch spiegelt sich im Menschen. Wie alle Armeen, spekulierte auch die deutsche auf den armseligsten Instinkt des Menschen, die Eitelkeit. Otto hatte absichtlich den Mantel zu Hause gelassen, obschon es noch keineswegs warm war.

„Ha!“ lachte der General vor sich hin.

„Wie, bitte, Papa?“

„Diese Menschen, sie sind närrisch!“

Plötzlich errötete Otto. Sein Blick zuckte unruhig, die Narbe an seiner Schläfe, die von dem Kopfschuß geblieben war, färbte sich rasch und flüchtig tiefrot. Ein schnelles, vornehmes, offenes Auto rauschte vorbei und darin saß — Hedi!

Hedi — in einem pompösen Pelz, wehende Federn auf dem Hute — einen wollhaarigen, fetten, kleinen Hund auf dem Schoß.

Sie sah ihn nicht, sie sah überhaupt nicht auf die Straße. Sie saß wie eine Dame, die es gewöhnt ist, in ihrem Wagen durch die Menge zu gleiten und nichts mehr dabei findet.

Es war keine Überraschung mehr für Otto. Vor ein paar Tagen traf er in einer Teestube Unter den Linden, wo viel Halbwelt verkehrte, die kleine Saharet, und sie hatte ihm erzählt, daß Hedi Ströbels „Privatsekretärin“ geworden war. Ströbel hatte die Saharet vor die Türe gesetzt, höchst einfach, ein paar braune Lappen — und dann war die andere, wie die Saharet sagte, gekommen. Also Hedi Westphal die Nachfolgerin der Saharet! War es nicht zum Schießen komisch? Immerhin, Hedi erhob sich weit über den Durchschnitt all dieser schnatternden Gänse — aber sie war kalt, kalt und berechnend, nichts als eine Egoistin. Und nichts war Otto mehr zuwider als Egoisten. Aber als Privatsekretärin hätte er Hedi schließlich auch engagiert. Ja, dieser Ströbel!