„Der früheste —?“ der General wiegte bedauernd den Kopf. „Weiß Gott, wie die Lage in vier Wochen sein wird, wenn es so weitergeht.“

Nun, Gott mochte es wissen und seine Freude daran haben, ihm, Otto, war es höchst einerlei. Er glaubte nicht recht daran, diese ganze Sache kam ihm abenteuerlich im höchsten Maße vor. Er ergriff die Gelegenheit und brachte dem Vater schonend bei, daß er sich im Westen, in der Nähe seines neuen Amtes, ein Zimmer gemietet hatte, weil der Dienst schon morgens um sieben Uhr begann. Die Wahrheit war, daß er sich der väterlichen Kontrolle entziehen wollte.

„Der Dienst in erster Linie“, erwiderte der General. Er hielt inne.

Am Nebentisch wurde ein neuer Toast ausgebracht. Drei kurze Hurras, schon etwas lauter: der Kaiser!

Der Takt gebot, während des Toastes zu schweigen. —

Aber Hanuschke, der Schneider Hanuschke? Was ist mit ihm?

Der kleine, krummbeinige Schneider fegte immer noch über das Feld, dem rettenden Wäldchen entgegen. Sein Hemd, soweit man von einem Hemd reden konnte, klebte naß an seinem Körper. Hatte man je während dieses ganzen Weltkrieges davon gehört, daß man einzelne Leute mit Flugzeugen jagte? Über diesem Wäldchen zerplatzten Schrapnelle, gelbe und graue Spinnen, aber das war schließlich das Paradies gegen diesen englischen Doppeldecker. Seine zerfetzten Hosen klebten an den Schenkeln. Er setzte über einen gefallenen deutschen Artilleristen, der mit aufgeschlitztem Hals dalag, hinweg — schon brauste das Brummen wieder hinter ihm her. Da aber schrie Hanuschke vor Entsetzen auf. Der Engländer mit seinem gestutzten, kleinen Schnurrbart schien jetzt aufs Ganze zu gehen. Er flog dicht über dem Boden, und schien es darauf anzulegen, ihn zu überfahren. Er hatte neulich gesehen, wie ein deutscher Beobachter mit dem Fallschirm aus einem Fesselballon absprang, den ein feindlicher Flieger in Brand schoß. Sollte man es für möglich halten: der feindliche Flieger kam zurück und schoß auf den mit dem Fallschirm abstürzenden Beobachter, der verzweifelt mit den Beinen ruderte. Das sah komisch aus, wie er in der Luft ruderte, und er, mit anderen Kameraden, hatte laut aufgelacht — aber diese Sache war nicht zum Lachen. Im Gegenteil, dem Schneider passierte etwas, was ihm seit dem ersten Gefecht nicht passiert war. Im letzten Augenblick warf er sich zu Boden, und die Maschine rauschte über ihn hinweg. In voller Geschwindigkeit stießen die Räder auf den Boden, daß der Staub aufwirbelte, und die Maschine wie ein Ball geworfen wurde. Sollte er verrecken, der Teufel! Aber der Teufel kletterte in die Höhe und drehte wieder um. In seiner Verzweiflung lief der kleine Schneider ihm entgegen, durch, krach, aber durch, Glück mußte man haben. Wirbelnd wie eine Windmühle, mit Beinen und Armen fegte er dem Wäldchen zu. Plötzlich aber versank buchstäblich der Boden vor seinen Füßen. Er stürzte und wurde von einer Welle von Erde zugedeckt. Er rang nach Luft, übergab sich und machte sich bleich und völlig kraftlos von der Erde frei. Etwas ganz Unerwartetes war geschehen, etwas, womit er gar nicht gerechnet hatte: eine Granate hatte eingeschlagen.

Zitternd taumelte er vorwärts, keine Kraft mehr. Sein Gesicht blutete.

Zwanzig Schritte noch, zehn Schritte — da war er.

Dampfend warf er sich unter die Bäume und weinte. Es war kein geringer Schreck gewesen. Und er dachte an den Volltreffer seinerzeit — bei Souchez — wie der Feldstecher neben ihm herunterkam — und er dachte, daß er einmal anstatt ins Zimmer Nummer 6, ins Zimmer Nummer 7 lief und plötzlich einem General gegenüberstand. Hätte er diese Dummheit nicht begangen, damals, wer weiß, ob er nicht heute noch gemütlich in Berlin säße?