Unangenehm nur war die Verabredung mit jener Dame im Kaiserhof. Sehen wir zu, daß wir die Sache hinter uns bringen! Indessen — keine Eile — mochte sie getrost noch etwas warten. Er hatte es gewiß nicht an Deutlichkeit fehlen lassen, oder? Schluß, zu Ende, sei ein tapferes Mädchen usw. usw. Wie man in solchen Fällen zu schreiben pflegt. Nein, nach diesem Brief gab es ein Zurück nicht mehr. Und doch hatte sie ihn wieder beschwätzt. Sie begriff, sie war völlig einverstanden, zu Ende, natürlich, aber sie wollte ihn vor seiner Abreise noch einmal kurz sehen, wenn auch nur für einen Augenblick. Sie schrieb, daß sie von 5 bis 9 Uhr im Kaiserhof auf ihn warten werde. Er würde gewiß eine Minute finden. Von 5 bis 9 Uhr! Es war natürlich ganz unmöglich, eine junge Dame vier Stunden lang vergebens warten zu lassen, das sah er wohl ein.

Aber sie soll wenigstens etwas zappeln, dachte er und zündete sich gemächlich eine Zigarette an. Er machte sogar noch einen unnötigen Umweg.

„Diese Hedi!“ Verächtlich stieß er die Luft durch die Nase.

Wie der General verachtete auch Otto im Grunde seines Herzens die Frauen.

Er kaufte eine Abendzeitung und durchflog sie unter einer Laterne.

5

Heinz war, so schnell ihn die Füße trugen, zur Station der Untergrundbahn geeilt. Er hatte ja Klara benachrichtigt, daß es etwas später werden könnte, trotzdem . . .

Es war die Stunde des Geschäftsschlusses.

Berlin war wie ein schmutziger Schwamm, der ausgedrückt wird. Ströme von Schmutz flossen aus dem finsteren Himmel, von den Dächern und den tausendfenstrigen Hauswänden. Der Schmutz wälzte sich über die Straßen und stieg in den durchlöcherten Stiefelsohlen bis an die Knöchel. Die Menschen in ihren abgeschabten, dünnen Kleidern, blau vor Kälte und Hunger, quollen aus den frostigen Häusern und stürzten hinab in die windigen Kamine, die zur Untergrundbahn führen. Sie stauten sich auf den Bahnhöfen, geballt zu einer Wolke von Bitterkeit und Wut. Die überfüllten Züge fegten, triefend von Dunst und Schmutz, mitten hinein in die Menschenknäuel, die sich rasend gegen Türen und Scheiben warfen, um nicht auf den finstern, feuchten Perrons zurückbleiben zu müssen.

Die Schaffnerinnen — ihre Männer waren im Feld, faulten längst in den Massengräbern, verbluteten in dieser Minute, die Kinder hungerten zu Hause in einer kalten Stube — die Schaffnerinnen, gepeinigt bis aufs Blut von den jagenden Zügen, klirrenden Scheiben und kämpfenden Menschenmassen, schrien mit schrillen, gellenden Stimmen, als ob sie erdolcht würden. (Und ach, sie wurden erdolcht, jede Minute stieß ihnen unbarmherzig das Messer ins Herz.)