Zu Blöcken zusammengepreßt, flogen die Menschen durch die dunkeln Tunnels voll stummer gegenseitiger Raserei. Sie schwiegen. Sie fürchteten Spione und Agenten. Sie fürchteten den Terror der Albernheit. Sie lächelten und lachten nicht mehr. Sie fühlten das Verhängnis dicht vor sich, um sich, über sich, wo am Dach des Wagens sich all die Dünste der zusammengedrängten Menschenmassen stauten. Dieses Verhängnis, dessen Widerschein in allen Augen glänzte, begleitete sie durch die finsteren Tunnels, über die klirrenden Brücken und flutete mit ihnen über die menschenwimmelnden Perrons. Flogen die Züge in die Stollen hinab, so war es für viele, als ginge es in die Hölle mit ihnen, und der kalte Schweiß trat auf ihre Stirn.
Dunkelheit, Kälte und Hunger drohten aus den Straßenschluchten. Diese drei Gespenster ergriffen Besitz von Berlin, das sich drei Kriegswinter hindurch tapfer verteidigt hatte, um im vierten zu kapitulieren. Täglich breiteten sie sich mehr über die Stadt aus. Sie eroberten Häuserblock um Häuserblock, Straßenzüge um Straßenzüge, Stadtviertel um Stadtviertel, und drangen langsam zum Herzen der Stadt vor. Als ein viertes Gespenst war noch die Grippe dazugekommen. Dieses Gespenst war überall, wo sich Menschen ansammelten. Es machte alle Fahrten auf den überfüllten Untergrundzügen mit. Die Passagiere husteten sich gegenseitig den Tod ins Gesicht. Viele von ihnen machten heute ihre letzte Fahrt. Mit Vorliebe suchte dieses vierte Gespenst sich junge Exemplare aus, es liebte zartes Fleisch. Sie starben von der Berührung. Die Alten brachte es nur um eine gute Strecke der Grube näher, in die sie eines Tages, entkräftet vor Hunger und zermürbt von der Verzweiflung, ganz von selbst stürzen würden.
Heinz mußte einen überfüllten Zug vorbei lassen. Ein Paar grober Fäuste schleuderte ihn zurück. Selbst beim nächsten Zug verdankte er es nur seinem freundlichen Knabengesicht und dem Lächeln auf den roten Lippen, daß man ihn mitnahm.
Augenblicklich dachte er an die grüne Mütze. In wenigen Minuten würde er sie sehen!
Eine grüne Wollmütze, flott nach hinten gerückt, grasgrün, mit einer ebensolchen grasgrünen Seidenquaste in der Mitte, gewiß ist sie nichts, aber sie kann im Herzen eines Menschen soviel sein wie der Christus in der Kirche. Zuweilen, wenn die Züge seiner Dame in seinem Gedächtnis verblaßten, sehr selten geschah es — die grüne Wollmütze blieb zurück, keine Macht konnte sie ihm entreißen. Und allmählich, wie durch einen Zauber, fügten sich dann wieder Haar, Wangen, Ohr — alles daran.
Diese grüne Wollmütze leuchtete über den Wittenbergplatz, als er den Bahnhof verließ — weithin, wie ein Scheinwerfer. Und doch war es nur ein handgroßer Fleck von Grün, nicht einmal sehr deutlich im Schein einer Laterne. Durch das Gewimmel von Menschen hindurch drang Heinzens Blick, als ob die Menschen transparent wären, er sah seine Dame von den Schuhen bis zur Wollmütze, in ihrer ganzen Figur, obschon sie mitten in einem Knäuel von Wartenden bei der Haltestelle der Elektrischen stand. Das war jedenfalls ganz wunderbar. Er erkannte die Linie ihres anliegenden Jacketts, er sah sogar, daß sie ein Päckchen am Finger trug.
Plötzlich traf eine Stimme Klaras Ohr! Aber Heinz hatte gar nicht gerufen. Sie blickte im gleichen Augenblick auf ihn, ihre Blicke begegneten sich durch das Gewimmel. Sie lächelte, ihr Lächeln kam näher, es wurde leuchtender und strahlender, überblendete Menschenschatten, Finsternis und schmutzige Straße, und endlich glänzte es dicht vor ihm. Es hatte sich nun wiederum auf seine Quelle zurückgezogen. Es leuchtete aus ihren Augen, aus ihren Lippen, weißen Zähnen, aus ihren Wangen und selbst aus ihren blonden Haaren, auf denen einige Regentropfen wie Tau glitzerten.
Beide erröteten und fingen gleichzeitig an zu reden. Es war völlig einerlei, was sie sagten. Sie freuten sich an dem Klang ihrer Stimmen, die durcheinander klangen.
„Sie haben — du hast —“
„— tausendmal Verzeihung jedenfalls — meine Cousine wollte mich Hauptmann Wunderlich vorstellen, der eine Kampfstaffel führt —“