Leise schloß Ruth die Türe ihres Zimmers hinter sich.

Sie war voller Unruhe.

Abermals hatte sie den großen, beobachtenden Blick Papas auf sich gefühlt. Wie schon seit Tagen. Gestern abend sah sie ihn im Spiegel: groß, hell, lauernd und drohend.

War er argwöhnisch geworden, Papa?

Vielleicht hatte die Zigarrenspitze, die sie neulich in ihrem Zimmer fand, doch etwas zu bedeuten?

Plötzlich errötete sie. Und der Brief? In einem Buch lag ja ein Brief von Karl! Schnell, wo ist er? Am Ende war er fort? Am Ende hatte Papa diesen Brief gefunden, gelesen. War er nicht einmal ganz plötzlich in ihr Zimmer gekommen, als Dora bei ihr Tee trank? Sie hatte diesem Vorfall ja nicht die geringste Bedeutung beigelegt, gar nicht weiter darüber nachgedacht. Ach, sie haßte Papa! Ja, wahrlich, sie haßte ihn! Man kannte nie seine Gedanken. Sein Blick prüfte, tadelte, sein Blick entmutigte, sein Blick erstickte jede harmlose Freude.

Nein, sie haßte Papa natürlich nicht, er hatte gewiß seine guten Eigenschaften, er war charaktervoll, wie wenige Menschen, pflichtgetreu, stolz, verschlossen, ehrenhaft vom Scheitel bis zur Sohle, nein, nein, sie wollte gar nichts sagen. Er war verbittert, unglücklich vielleicht, trug sein Leben ohne zu klagen. Nie hatte sie eine Klage von ihm gehört. Er schwieg. Aber wie gerne hätte sie doch Zutrauen zu ihm gehabt, volles Vertrauen, wie zu einem erfahrenen, erprobten Freund. Ja, so sollte es sein! Aber es war gerade umgekehrt: anstatt sich ihm anvertrauen zu können, mußte sie sich vor ihm verbergen. Es war natürlich auch sein Verhalten Mama gegenüber, das sie gegen ihn einnahm. Nie konnte sie ihm verzeihen, daß er jahrelang mit solcher Erbitterung gegen die Arme prozessierte. Aber sie war ja jetzt reifer, sie verstand das Leben jetzt besser und wußte, daß es viele unglückliche Ehen gab, und doch beide Teile ehrenhafte und gütige Menschen sein konnten. Nicht das war es, es war — undefinierbar. Seine Nähe bedrückte, sie verwandelte, das Leben erschien plötzlich so schwer und ernst.

Sie fand es überaus häßlich, daß er in ihr Zimmer gekommen war, seinerzeit. Und die Zigarrenspitze? Papa rauchte die Zigarren in Papierspitzen mit Gänsekielen. Eines Tages hatte sie eine solche Papierspitze auf ihrem Schreibtisch gefunden. Sie hatte sie achtlos zum Fenster hinausgeworfen. Vielleicht war sie auch von einem der Burschen hereingebracht worden?

Aber hier war ja Karls Brief. Gottlob, sie atmete auf.

Er lag noch an derselben Stelle, zwischen denselben Seiten des Buches, unberührt. Sie las den Brief, sie drückte ihn an die Lippen.