Ja, Karl war einer von den Kommenden, nicht einer der Vergehenden. Er hatte Wille und Ziel. Und was er wollte, war gut. Alle Welt liebte ihn, seine Freunde beteten ihn an, er hatte keinen einzigen Feind. Sie, die sie selbst schwankte, klammerte sich an ihn, er gab ihr Halt. Glücklich würde sie mit ihm sein.
Aber weshalb war Papa in letzter Zeit so aufmerksam — fast zärtlich? Weshalb sagte er ihr so oft, daß sie bleich und nervös sei und nach Babenberg gehen solle? Einmal legte er sogar die Hand um ihre Taille — seit Jahren war es nicht mehr der Fall, oh, sie erinnerte sich deutlich dieser ihr (damals!) so schrecklich unangenehmen Liebkosung, sie lebte ganz dem Andenken Mamas. Er fragte, ob sie keine Wünsche habe, ob sie nicht etwa Lust zu einer Reise habe, vielleicht nach der Schweiz? Er habe eine gewisse Summe für sie bereitgelegt. Nein, sie brauchte nichts, gar nichts, hatte gar keine Wünsche.
Ach, wie häßlich sie doch war! Kümmerte Papa sich nicht um sie, so nannte sie ihn kalt und herzlos — kümmerte er sich um sie, so war sie sogleich argwöhnisch.
Ja, ganz unmöglich, den großen prüfenden Blick des Generals zu ergründen!
Er atmete Haß in diesen Wochen, er atmete Liebe.
Ja, er haßte Ruth zuweilen mit einem furchtbaren und grundlosen Haß, der ihm unerklärlich war, und den er bereute. Ihre Mutter, ganz ihre Mutter! Die gleichen hysterischen Augen, wie sie voller Geheimnisse, in die niemand eindringen durfte, wie sie eingesponnen in eine sonderbare, unerforschliche Welt. Wie sie rasch und ohne Überlegung Impulsen folgend. Wie sollte sie anders sein? Man bedenke, eine Dame, die sich von einem Offizier, den sie erst wenige Tage kannte, von einem Ball entführen ließ, die sich soweit vergessen konnte — nun, gewiß, ein häßlicher und unwürdiger Gedanke, aber trotzdem . . .
Es war das Blut der Sommerstorf, und unergründlich waren die Rätsel eines Tropfen Blutes.
Beziehungen zu einem schwärmerisch veranlagten jungen Manne — gebildet, zugegeben, aber jedenfalls ohne Rang, ohne Familie, arm — mochten diese Beziehungen noch so unschuldig sein, wie man ihm versicherte — noch so unschuldig —
In Dunkelheiten, voller Schrecken, unklare, verworrene, drohende Dunkelheiten verloren sich seine Gefühle — und dann haßte er Ruth.
Reue, Reue! Er war kein Unhold. Ja, schon bereute er seine Heftigkeit.