Sie war jung, sie dachte selbständig, und das war immerhin anerkennenswert, sie lebte ihr eigenes Leben, war nicht eines jener törichten oberflächlichen Geschöpfe, die nur an Putz und Vergnügen denken. Es war natürlich übertrieben, töricht und im höchsten Maße ungerecht, sie hysterisch zu nennen. Eine Bekanntschaft aus dem Lazarett, etwas Romantik, weshalb urteilte er so streng?
Nun liebte er sie plötzlich wieder, und er grübelte darüber nach, wie er ihr Vertrauen gewinnen könnte. Leider, leider hatte ihm der Dienst zu wenig Muße gelassen, sich mit seinen Kindern beschäftigen zu können. Das rächte sich jetzt. Etwas Vertrauen, und alles wäre in Ordnung! Heute abend wollte er mit ihr nochmals über die Reise nach der Schweiz sprechen. Es war ja eine Leichtigkeit, den Paß zu besorgen . . .
Nein, unmöglich den prüfenden großen Blick Papas zu ergründen! Ruth versank in die Betrachtung des Bildes der Mutter an der Wand: auch sie hatte diesen Blick gewiß nie ergründen können, nein.
Da klopfte es, und man meldete ihr ein Fräulein Westphal.
Ruth warf das Kinn in die Höhe. „Ich bedaure.“
Seht an! Trotzdem sie ganz die Mutter war, wie der General dachte, wenn er Ruth haßte, trotzdem die Linie der Hecht-Babenberg bei Ruth nicht im mindesten zum Ausdruck kam — die gleiche Stimme in diesem Augenblick, die gleiche, etwas hochmütige Bewegung des Kinns. Trotz allem, trotz allem. Ach, sie bebte vor Unruhe und Erregung heute.
Aber da ging schon die Türe, und eine ihr unbekannte dichtverschleierte Dame, ein schmächtiges, zartes Persönchen trat ein.
„Ich bitte tausendmal —“ flüsterte diese tiefverschleierte Dame.
War so etwas überhaupt möglich? Sie hatte, Ruth, deutlich genug bestellen lassen, daß sie heute nicht zu sprechen sei. „Sie wünschen?“ fragte sie, kühl, ohne jede Anteilnahme, abweisend, herzlos.
Aber die dichtverschleierte Dame streckte ihre dünnen Arme aus. „Nicht Sie! Nicht auch Sie!“ Und schon fiel sie in die Knie.