Sofort aber fand Ruth sich selbst zurück.
„Um Gottes willen!“ rief sie aus und hob diese kleine weinende zuckende Person auf, die sie gar nicht kannte. „Was tun Sie? Um Gottes willen! Ich bin sehr beunruhigt heute — ja, wer sind Sie eigentlich?“ Und Ruth hob den Schleier der Dame hoch, sah ein blasses verweintes Kindergesicht mit hilflosen Augen — sie kannte es nicht — aber sie küßte es sofort. „Mein Liebling — mein Kleines — aber ich bitte Sie herzlich.“
Ja, nun begriff sie, wer der Besuch war, sie erinnerte sich.
Und Heinz? Sie hatte gehört davon. Ein lieber, frischer Junge.
„Herr v. Meerheim — sie flogen Sperre — er sah die Maschine taumeln — und dachte sich noch, was ist das? Und da stürzte die Maschine schon —“
Ruth preßte Klara an sich.
„Bleiben Sie hier bei mir! Erzählen Sie mir alles, alles. Wir sind Freundinnen. Geben Sie mir Ihre Hand.“ Und Ruth führte diese kleine dünne Hand an die Lippen. „Ja, Freundinnen! Auch ich habe Sorgen, hören Sie! Gerade heute bin ich in schrecklicher Unruhe. Ich ertrage diese Stadt nicht mehr und gehe bald aufs Land. Haben Sie Lust mitzukommen, Sie sind eingeladen? Ja, in schrecklicher Unruhe bin ich, ich kann es Ihnen nicht sagen. Deshalb war ich auch so unhöflich! Verzeihen Sie — und nun plaudern Sie, plaudern Sie!“
8
Berlin — wer kennt es nicht? — ist die häßlichste Großstadt der Welt, ganz offen gestanden. Paris, London, Rom, Neuyork, Kioto, Moskau — sind sie von ihren Bewohnern ganz allmählich erbaut worden, Berlin wurde von Unternehmern errichtet, in aller Eile. Von ganz wenigen Gebäuden, einzelnen Straßen und Plätzen abgesehen, ist es als Stadt architektonisch ohne jeden Reiz, ohne Zauber — ein Steinhaufen ohne Grenzen, nichts sonst. Trotzdem besitzt es mehr Badewannen als zum Beispiel Paris, nicht zu unterschätzen, vor dem Kriege genoß es auch den Ruf, die reinlichste Großstadt zu sein. Also die häßlichste der großen Kokotten der Erde, aber am sorgfältigsten gewaschen, immerhin etwas. Die Theater haben ohne Zweifel die besten Spielpläne der Welt, die besten Konzerte — aber sonst, häßlich, nüchtern, ein steinernes Meer. Früher verschwand die Häßlichkeit im Gewimmel der Menschen, im Donner des Verkehrs, im Gegleiße und Geglitzer von hunderttausend Volt, aber heute? Nackt und schmutzig lag die häßlichste aller großen Kokotten vor allen Augen da.
Als die schönste Straße Berlins gelten die Linden. Sie beginnen mit dem Brandenburger Tor und enden mit dem Schloß. Eine Enttäuschung für jeden. Aber vom strategischen Standpunkt aus sind sie ganz ausgezeichnet. Das Schloß liegt auf einer Halbinsel, die Verteidigung gegen das Wasser zu ist ein Kinderspiel, die Linden selbst aber sind wie ein Lineal, breit und gerade — eine Salve Kartätschen, und schon sind alle Schwierigkeiten beseitigt.