Im Jahre 1848 wurde hier gekämpft. Barrikaden — aber, wie gesagt, einige Kartätschen genügten.
Nein, die Linden sind auch nicht die Hauptsache von Berlin, sie sind nichts als ein geschickt kaschierter Festungswall, mit Linden bepflanzt, mit Reitwegen versehen, mit Cafés und Hotels besiedelt — wenig anheimelnd. Eine einzige Kanone, die vor dem Schloß auffährt, und sämtliche Café- und Hotelgäste müssen sofort das Trottoir räumen.
Überall, wo Könige hausen oder hausten, finden sich derartig angelegte Straßen, man braucht nur darauf zu achten. Die Könige lieben einen freien Blick.
In den kalten Schluchten dieser endlosen versteinerten Häßlichkeit treiben die Menschen dahin, Geschäftige und Spaziergänger, und dazwischen lauern die Augen der Verbrecher und Diebe, dazwischen lächeln die Augen der geschminkten Damen, dazwischen funkelt zuweilen ein Auge, das Auge eines Wahnsinnigen oder eines Dichters. Wie in allen Großstädten stehen die Schutzleute und blasen auf ihrer Flöte und bestimmen Ebbe und Flut des Verkehrs. Heute allerdings, die Straßengewaltigen — sie gähnten vor Langeweile und hatten nur noch das eine Bestreben, nicht vor Erschöpfung auf das Pflaster zu stürzen.
In den Steinschluchten dieses endlosen Meeres wanderte Ackermann seit dem frühen Morgen dahin. Er überquerte den windigen Alexanderplatz, den staubigen Spittelmarkt, und schlenderte langsam durch die Schlucht der endlosen Leipziger Straße, die ihre Größe dem Fleiße der Bürger verdankt. Er suchte nur noch belebte Stadtteile auf. Selbst diese Straße, in der der schwache Verkehr der sterbenden Stadt zusammenfloß, früher glattgeschliffen von den Nägeln der Pneus und Tag und Nacht blank gehalten wie ein Matschbillard, selbst sie war heute voller Schmutz. Voller Schmutz waren die verwahrlosten Häuser, die schief hängenden Firmenschilder, die elektrischen Wagen, die verbeult und abgekämpft aussahen wie Tanks, die aus der Schlacht kamen. Obwohl es erst anfing, warm zu werden, strömte die Stadt schon einen übeln Geruch aus. Was für ein Geruch war es doch? Wenn du ihn nicht kennst, besser für dich — es war der Geruch der Verwesung. Genau wie die verlassenen Schlachtfelder roch Berlin.
Hierauf überquerte Ackermann den Potsdamer Platz und bog in die Königgrätzer Straße ein, wo die Bahnhöfe liegen.
Er suchte Menschen, Menschen, Massen von Menschen, und in dieser aussterbenden Stadt würden sie wohl noch am ehesten auf den Plätzen der Bahnhöfe zu finden sein.
Langsam schlenderte er dahin. Die Sonne blendete ihm ins Gesicht. Auf dem Spittelmarkt hatte er einen Teller Suppe zu sich genommen, in aller Ruhe, denn Gewißheit erfüllte ihn, daß alles vollendet sein würde, bevor die Sonne sank. Er hatte sogar geschwankt, ob er nicht in die Dorotheenstraße gehen solle, um Ruth noch einmal zu sehen. Aber er war doch nicht gegangen. Nein, nun war er unterwegs . . .
Da! Horch!
Schon?