Unterdessen wartete Hedi Westphal in der Halle des „Kaiserhofs“. Und Otto las unter einer Laterne gemächlich die Abendzeitung.

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Hedi hatte längst den Tee ausgetrunken. Sie hätte gern eine zweite Portion bestellt, aber sie mußte sparen. Ewig diese Geldmisere!

Ihr Vater war Geheimer Rat im Auswärtigen Amt. Da schlich er täglich in Gamaschen und Seidenhut an den beiden Sphinxfiguren des Vestibüls vorüber, die immer so eigentümlich lächelten. Dann knackte er in seinem Bureau mit den Fingern, zupfte an seinem dünnen Chinesenbart und vertiefte sich in die Zeitungen. Diese Tätigkeit war nicht besonders aufreibend, aber sie war schlecht bezahlt und die Westphals ohne Vermögen.

Trotz des lächerlich geringen Taschengeldes war Hedi ganz Lady — von den tadellosen Stiefelchen an bis hinauf zu dem kleinen Reiher auf dem silbergrauen Seidenhütchen. Sie trug einen weißen Schleier mit silbergrauer Stickerei. Sie war noch blonder als Klara, nahezu weißblond.

Den weißen Schleier mit den silbergrauen Ornamenten schob sie zuweilen über das Näschen und nippte, die Hand graziös geformt, an der leeren Teetasse.

Würdevoll war ihre Haltung, etwas lässig. Die Umwelt existierte nicht für sie. In vollkommenem Gleichgewicht schwebend saß sie da.

Die Musik wehte. Butterfly.

Ein älterer Offizier mit einer mächtig funkelnden Glatze beobachtete sie in auffallender Weise. Hedi wandte das Gesicht mit einem gelangweilten Blinzeln in eine andere Richtung. Nun aber hatte sich ein junger Herr in einem Klubsessel am Mittelgang niedergelassen. Er trug einen weiten Mantel von auffallend heller Farbe, tadellose braune Stiefel, nagelneu, eine Sehenswürdigkeit in diesen Tagen. Eine Zigarette im Mundwinkel saß er da und stieß mit einem dünnen Stöckchen im Takte der Musik auf den Teppich. Zuweilen ließ er seinen Blick über Hedi gleiten, aber in gänzlich unauffälliger Weise, so daß sie ihn niemals dabei ertappen konnte. Im letzten Moment huschte der Blick stets über sie in die Höhe zur Decke. Vielleicht hatte sie ihn schon gesehen? Er kam ihr irgendwie bekannt vor. Nun brachte ihm ein Kellner ein kleines Glas und goß eine rote Flüssigkeit ein. Der junge Mann nahm aus seiner Manteltasche einen Pack Papiergeld und reichte dem Kellner eine Note, um gleich darauf wegzublicken. Der Kellner verneigte sich tief. Hedi blickte auf die Armbanduhr, und ihre Miene sah enttäuscht aus. Es war einhalb sieben Uhr. Die Musik spielte einen Tango. Der Herr in dem weiten Mantel hatte die rote Flüssigkeit ausgetrunken, stand auf und ging. Aber nach wenigen Minuten kam er wieder zurück. Er trug einen Strauß weißer Rosen in der Hand, den er vor sich auf den Tisch legte. Er wartet, auch er! Wieder schwebte Hedi in vollkommenem Gleichgewicht.

Dann saßen da noch einige Damen, mit Brillanten, Perlen, Pelzen, Puppen mit einem Wort — Hedi sah sie überhaupt nicht.