Ja, in der Tat, zwischen den Schornsteinen und Ventilationsröhren erschien da oben ein Mensch. Ein Mensch in einem weiten Soldatenmantel, ein Soldat.

Die Häuser in der Gegend des Anhalter Bahnhofs sind unansehnlich und häßlich wie in andern Vierteln der Stadt, die Dächer mit Schiefer gedeckt, abgeflacht, dazwischen ein steileres Ziegeldach. Über die abgeflachten Ziegeldächer glitt der Mann da oben rasch dahin, über die steilen Satteldächer dagegen balancierte er vorsichtig von Kamin zu Kamin. Stellenweise schritt er, die Arme wagrecht haltend, wie ein Seiltänzer über den Dachfirst. Blitzschnell kletterte er von einem niedrigen Dach auf ein höheres am Giebel der Brandmauer empor.

Wieder balancierte er wie ein Seiltänzer — hoch oben, im stechenden Sonnenlicht, kreidig Gesicht und Hände, der flatternde Mantel bestaubt. Diesmal schwankte er, die Leute auf dem Platz schrien auf, aber schon hatte er Halt an einer Tonröhre gefunden. Er holte Atem, gegen die Tonröhre gelehnt, blickte mit seinem kreidigen Gesicht, das blutete, auf den Platz herunter, schrie etwas mit gellender Stimme, aber unverständlich hier unten, dann eilte er zum nächsten Kamin. Deutlich sah man, daß er hinkte.

Unten auf der Straße hatte er sich ruhig festnehmen lassen, aber nun, seitdem man mit einem Knotenstock völlig sinnlos auf ihn eingeschlagen hatte, schien er entschlossen zu sein, zu flüchten.

Nun glitt er zur Hälfte über ein Ziegeldach und kroch in eine Dachluke.

Die Zuschauer atmeten auf. „Er ist verschwunden!“

Aber schon nach einigen Sekunden erschien er wieder in der Dachluke. Er glitt bis zur Dachrinne herab und lief, wie eine Katze, buchstäblich, auf der Dachrinne dahin. Die Ausrufe erstarben auf den Lippen, die kleinen Verkäuferinnen preßten die Hand aufs Herz.

Gleich darauf tauchte in der Dachluke die Mütze eines Schutzmannes auf, begrüßt vom Gelächter der Zuschauer. Der Mann im grauen Mantel kletterte abermals den Giebel der Brandmauer empor und lief über das Dach des Eckhauses.

Tausende von Neugierigen hatten sich angesammelt. Es waren Züge angekommen, und die Reisenden standen gaffend und blinzelnd auf dem Platze. Das war Berlin, siehst du! Kaum kam man an, so gab es schon etwas zu sehen. Man hatte ja gelesen, daß zurzeit in Berlin häufig Deserteure auf dem Transport entflohen, sogar Passanten waren bei diesen Vorfällen schon erschossen worden. Brich das Genick, du Spitzbube! Ja, das war Berlin, man konnte wenigstens etwas erzählen. Ein Haar, und er wäre abgestürzt.

Rote Gesichter reckten sich aus den Wagen der Straßenbahn, aus allen Fenstern der umliegenden Häuser. Die Kutscher verdrehten den Hals, Kellner, Friseure, Verkäuferinnen stürzten aus Läden und Türen. Messinggelb blendeten die Häuser in der Sonne.