Alle Passanten, wenige, sehr wenige, zertraten unter ihren Füßen einen ebenso fahlen, zusammengeballten Schatten. Es war Mittagszeit, der Himmel war mit einem Dunstschleier bedeckt, durch den die Sonne blendete. Welche Hitze?

Der Krüppel schwang sich die Leipziger Straße hinauf.

Auch diese Straße war leer! Wenige Menschen, leere Straßenbahnen. Berlin war wie ein Friedhof, den nur dann und wann ein Grüppchen von Hinterbliebenen besucht.

„Ja, ein richtiger Friedhof!“ sagte der Krüppel.

Die wenigen Menschen schlichen, den Blick zu Boden gesenkt, dahin, scheu, ängstlich. Mit zitternden Händen griffen sie nach den Mittagszeitungen, warfen einen Blick hinein, falteten sie mutlos zusammen.

Krieg, Hunger, Tod — Tod, Hunger, Krieg . . .

Vor wenigen Wochen noch hatte die Hoffnung die Stadt neu belebt. Die feindlichen Reserven waren aufgerieben, England stand vor dem Abgrund. Ja, was blieb also noch viel zu tun übrig? Die Zeitungen schrieben es, ein Minister sogar verkündete es — nun schien aber doch nicht alles in Ordnung zu sein.

Wie Berlin vor Wochen gejubelt hatte, Tausende von Gefangenen, Hunderte von Geschützen, so jubelten jetzt Paris, London, Neuyork. Berlin aber war still geworden.

Ein Friedhof bei Tag, ein Friedhof bei Nacht. In den Nächten war häufig ein Donnern in der Stadt zu hören, ein Grollen, und die Schläfer fuhren erschrocken in die Höhe — horch!

Der Krüppel schwang sich an seinen Krücken die Wilhelmstraße hinauf. Hier, bei den Regierungsgebäuden, war es noch stiller. Kein Mensch. Nur ein Hund ging, mit Verlaub zu sagen, von Eckstein zu Eckstein.