„Erlöser! Erlöser!“

Auf Hunderte von Kilometern standen die Geschütze in einer Breite von zehn bis fünfzig Kilometern, Rohr an Rohr, gestaffelt, auf Kähnen, Flößen, Eisenbahnwagen und spien Feuer und Tod. Die Geschosse wurden von keuchenden Zügen herbeigeschleppt, von Dampferflotten, Schleppkähnen, endlosen Reihen von Lastautomobilen. Die ganze Welt arbeitete im Schweiße ihres Angesichts, um die Mäuler aus Stahl zu speisen. Die Geschosse, mannshoch, wurden auf besonders konstruierten Karren zu den Geschützen gefahren, durch Krane in die Rohre gehoben. Sie wurden zur Reklame in Zeitschriften abgebildet, einzeln und zu Tausenden aufgestapelt. Die Astronomen, die sonst der Bahn der ewigen Gestirne folgten, berechneten die Flugbahnen der Ungeheuer, die sich in den blauen Äther hineinstürzten. Tausende, Zehntausende von Geschützen spien Tod Tag und Nacht.

Und die Wolke wälzte sich, unendlich, über der Walstatt. Staub — die zermalmte Fruchterde, der zermalmte Fels, der zermalmte Baum, der zermalmte Mensch flimmerten in der Luft. Der Staub zog über ganz Europa, die Staubteilchen zermalmter Menschenleiber regneten auf ganz Europa, auf die ganze Erde nieder.

Endlich war es dem Menschen gelungen, den höchsten Gipfel des Wahnsinns zu erklimmen. Die Erde selbst war nichts als eine gasgefüllte Bombe, die durch den Weltraum raste.

Hunderttausende von Kilometern waren durch die Erde gewühlt, Menschen und Tiere keuchten — mit dem gleichen Aufwand an Energie hätten die Wüsten sich in Gärten verwandeln lassen — noch aber wurde um das Weltmonopol des Plünderns gekämpft.

Erlöser! —

„Lieber Junge,“ — schrieb Hauptmann Falk an Otto — „ich weiß nicht, ob diese Zeile Dich noch erreichen wird. Der Kommandeur ist schwer verwundet worden und einige Leute wollen es unternehmen, ihn in der Nacht durch das Feuer zu tragen. Sie wollen diese Zeilen mitnehmen. Sage allen, daß wir unsere Pflicht tun! Zweiundsiebzig Stunden haben wir nicht geschlafen und kaum gegessen. Wir können nicht mehr. Bald werde ich wohl hinter Stacheldrähten spazierengehen. Aber sage allen, daß wir kämpfen und sie uns nicht umsonst haben sollen! Ich werde Nachricht geben, wenn ich kann. Alles Bisherige war Kinderspiel —“

Dies aber war der letzte Brief, den Otto erhielt. Wie durch ein Wunder kam er durch, obgleich der Kommandeur und seine Träger auf dem Rückwege getötet wurden. Man fand den Brief bei einem Mann ohne Beine, der verblutet war. Ein Offizier, dessen Name unleserlich war, hatte es auf die Rückseite des Briefes geschrieben.

Hauptmann Falk, genannt die Feuerwalze und wenn es hoch herging, die glorreiche Feuerwalze, konnte keine Briefe mehr schreiben . . .

Ein Erdloch. Und aus diesem Erdloch sieht eine Leiche mit entblößten Zähnen. Die Leiche wendet langsam den Kopf und späht aus. Staub treibt, Staub flimmert. Wenig zu sehen. Die Wimpern der Leiche sind voller Staub und auch ihre rotweißen Haare sind gepudert, die weißen Lippen haben den Staub zu einem weißen Brei zerrieben. Ruckweise atmet diese Leiche und stößt dabei mit dem Kopf in die Luft. Die Uniform ist beschmutzt, eben hat die Leiche gebrochen.