Krachend stürzt die Front, die Erde hört es — und noch immer kämpft die Armee, heute, morgen, übermorgen, Wochen! Längst ist es entschieden, daß alles verloren ist. Alles verloren: Blut und Gut, Millionen von Söhnen und Ernährern, Hoffnung und Sinn des Lebens, die Fruchtbarkeit des Ackers, die Viehherden, Schätze der Erde und Wälder, Schweiß und Fleiß von drei Generationen, Schweiß und Fleiß von drei kommenden Geschlechtern — alles verloren! Die Fruchtbarkeit des weiblichen Schoßes — dahin, Millionen von Säuglingen — eine Beute des Hungers. Alles — dahin! Das Gehirn unter der Schädeldecke, der Schlaf der Nächte — dahin! Ausgespielt die hohe Karte, gegen alle Gesetze der Wahrscheinlichkeit — und noch immer kämpft die Armee.

Die Angebeteten und Vergötterten — bis zum letzten Einsatz! — und dann, ja, dann beugten sie das Knie und boten den Degen an.

Auf Gnade und Ungnade.

Der Historiker, noch in tausend Jahren, wird hier eine Pause machen, Atem schöpfen, und noch einmal alle Dokumente prüfen. Ob ihm nicht doch etwas entgangen ist, nicht doch eine wichtige, überaus wichtige Urkunde. Er wird in den Archiven und Bibliotheken wühlen — nein, es ist Ihnen nichts entgangen, fahren Sie ruhig fort. —

2

In diesen Tagen traf plötzlich in Berlin jene hohe Persönlichkeit ein, die seinerzeit die Zierde von Doras Hausball bildete. Ali Baba und die vierzig Räuber — ja, wer hätte auch vermutet, daß es einmal so kommen könnte! Ohne jede Anmeldung kam der einflußreiche Herr an, dessen hoher Orden das ganze Metall auf der Brust des Generals aufwog. Mitten in der Nacht, gegen drei Uhr, der Zug von Köln hatte drei Stunden Verspätung gehabt. Die Lokomotiven blieben nunmehr reihenweise auf der Strecke liegen, man hatte die kupfernen Feuerbüchsen aus den Maschinen gerissen und sie durch eiserne ersetzt.

Gräfin Heller hatte noch Licht, Gesellschaft, und der hohe Herr, der dem längst vermoderten Franz I. ähnlich sah, ließ seine Schwester herausbitten.

„In großer Eile, Adele!“ sagte der hohe Herr — auf englisch, die Geschwister sprachen nur englisch zusammen — „Ich komme, um zu gehen. Ich habe die ganze Nacht hindurch dringend zu arbeiten, Frühstück um zehn Uhr, bitte. Für jetzt Tee und etwas Feuer im Kamin, ich bin erkältet, und einen kleinen Imbiß. Und dann, keine Störung, bitte, nicht die geringste — sehr wichtige Geschäfte — fahre mit dem Mittagszug wieder zurück . . .“ Trocken und hastig klang seine Stimme.

Gräfin Heller befand sich in großer Erregung. Sie hatte ihren Kreis von Vertrauten versammelt, eine spiritistische Sitzung. Zuerst war ein ungebärdiger Geist erschienen, ein italienischer Mönch aus Ravenna, 1512 geboren, gestorben 1553, begraben in Bologna — ungebärdig, er hatte das Tischchen in Stücke gerissen. Zurzeit aber — größtes Ereignis aller Sitzungen des Jahres! — hatten sie Verbindung mit dem Geiste eines erhabenen Verblichenen, dem Geiste Bismarcks. Ungeheure Offenbarungen, Prophezeiungen der größten Tragweite . . . vielleicht interessiert dich das Protokoll?

Der hohe Herr aber schien nicht die geringste Neigung zu haben, die Prophezeiungen Bismarcks kennenzulernen — ganz im Gegenteil. So schnell ihn die müden, dünnen Beine tragen konnten, stieg er die Treppe zu seinen Gemächern empor.