11
„Einen Augenblick nur!“ Schon hatte der General die Mappe mit den Akten, die heute noch alle bearbeitet werden mußten, aufgeschlossen. Den einen Schlüssel besaß er, den andern hatte sein Bureauoffizier in Händen. Kein unbefugter Blick konnte in diese geheimen Aktenstücke dringen, es war alles bis ins Kleinste wohlorganisiert.
Er lehnte sich im Sessel zurück. Die Teegesellschaft bei Dora hatte ihn ermüdet. Nichts strengte ihn in letzter Zeit so an wie die Gespräche durcheinanderschwirrender Stimmen. Anders die Sitzungen, die er mit einem Zucken der Brauen lenkte! Aber in einer Gesellschaft, wo jeder glaubte sprechen zu können, wann und wie lange und wie laut es ihm beliebte, ja: wie laut, das war es — Einen Augenblick nur —
Reserven — ungeheure Heere — wie eine Sturmflut werden sie sich dahinwälzen . . . schon schlief der General.
Kaum aber hatte er die Augen geschlossen, kaum kam das erste tiefe Röcheln aus seiner Brust, da wurde er auch schon wieder geweckt. Etwas pickte am Fenster, wie ein Finger, ein Fingernagel. Er wandte den Kopf: durch die Scheibe starrte ein kleines, glänzendes, stahlblaues Gesicht. Eine faustgroße Larve von leuchtendem Blau — in der Tat, ein intensives Blau, wie eine Spiritusflamme in einem dunkeln Raum — und erloschene Fischaugen mit einem toten Glanz. Von diesem stahlblauen, aus sich selbst leuchtenden Gesicht ging Drohung und Hohn aus, obschon das Gesicht ohne jede Regung durch die Scheiben starrte.
Der Schrecken, den das Gesicht durch die Scheiben strahlte, war so stark, daß der General nun wirklich erwachte. Er hatte, wie er sofort konstatierte, eine volle Stunde verschlafen. Unwillkürlich wandte er den Blick zum Fenster — aber es war natürlich nichts zu sehen, die grünen Vorhänge waren dicht geschlossen. Er räusperte sich, laut und ungeniert, wie es seine Gewohnheit war, und warf einen Blick durch die Vorhänge hinaus auf die Straße. Nichts, natürlich. Regen, Dunkelheit, keine Seele weit und breit.
Plötzlich aber stand dieses Gesicht, das ihn aufgeschreckt hatte, wieder vor ihm — und zwar dicht vor ihm in der Luft des Zimmers — auch die Augen mit dem toten Glanz. Es ist, ja ja, es ist jener — von heute nachmittag, natürlich, dachte der General. Er hatte das Gesicht nachmittags kaum beachtet. Es ist jener kleine Alte, der den Brief überbracht hat.
Ein übrigens völlig wirrer Brief, den er nur überflogen hatte — wirres und törichtes Zeug, was dieser kleine Alte mit dem blauen Gesicht . . . Ja, wo steckte der Brief eigentlich. Hier, nun siehst du, schon dieser Umschlag —
Der General konnte aber nun nicht mehr widerstehen, obschon die Aktenmappe dickbäuchig dalag, eigentümlich. Er war neugierig geworden, mehr als das. Er entfaltete den Brief und las ihn — langsam, immer langsamer, immer aufmerksamer.
Wie heute abend unter der Lampe des Foyers, stieg Röte in sein Gesicht, aber nicht eine leichte Ziegelröte, sondern — Feuer. Die Stirn legte sich in tiefe Falten —