Zweites Buch
1
Der Tag graute, und noch immer schwang der gleißende Lichtgürtel um Berlin.
Vor wenigen Wochen, im Januar, lagen die blendenden Fabrikpaläste der Vorstädte plötzlich einige Nächte lang dunkel da. Die eisernen Tore blieben geschlossen, die Räder standen still, die Kesselfeuer waren erloschen. Hunderttausende von regsamen Händen, wo waren sie? Was war geschehen?
Streik, mit einem Wort. Streik, jetzt, gerade in diesem Augenblick, wo man die Vorbereitungen traf für die letzte große Anstrengung, die den Sieg bringen sollte. Das englische Gold rollte — der General behauptete es — das englische Gold rollte durch die Straßen Berlins, Millionen und abermals Millionen. Scharen von Agenten waren von Albion ausgesandt worden, um die Front der Heimat zu unterminieren. Es wimmelte von Spitzeln und Spionen. Man klebte Zettel an die Häuser, Laufzettel gingen durch die Fabriken — das englische Gold war allmächtig.
Es kam zu Zusammenrottungen — da draußen. Patrouillen streiften durch die Stadt, Schwärme von Berittenen mit Karabinern, Maschinengewehre waren auf den Dachböden aufgestellt, da und dort — sollten sie nur kommen — von da draußen! Halbwüchsige Burschen zogen über die Linden und pfiffen. Aber die Schutzleute stürzten aus den Häusern und ohrfeigten sie.
Straßenbahnwagen wurden umgestürzt. Durch die Stadt fuhren reihenweise Wagen mit eingeworfenen Fensterscheiben. Das englische Gold hatte es weit gebracht.
Die Streikenden sandten einen Ausschuß, um zu unterhandeln. Aber der Minister — plötzlich machte er sein Rückgrat steif — lehnte ab, weigerte sich — bitte recht sehr. Er forderte gesetzlich zulässige Vertreter. Er witterte eine Ungebührlichkeit, etwas, was überhaupt noch nicht dagewesen war, das sich erkeckte, zu rütteln, an den Grundpfosten zu rütteln . . .
Die Streikenden forderten Brot, und die Regierung versprach.
Die Streikenden forderten — sie deuteten es nur an, aber es ging aus ihrer ungesetzlichen, hochverräterischen Haltung deutlich hervor . . . Es schien ihnen an der Zeit, nachzudenken. Herzogshüte und Königskronen sollten vergeben werden, da und dort, an alle möglichen Vettern, nun gut, wenn es Vergnügen machte, aber es schien ihnen doch an der Zeit, mit dem Überlegen zu beginnen. Der letzte Kupferkessel war dahin, beschlagnahmt aus der Küche des armen Weibes, die Lokomotiven brachen auf der Strecke zusammen, in den Kasernen exerzierten Knaben und Krüppel. Schließlich war Amerika immerhin eine Macht, mit der man rechnen mußte, auch wenn es nicht imstande war, Flugzeuge zu bauen und, wie man schwarz auf weiß nachgewiesen hatte, unmöglich ein Heer über den Ozean schaffen konnte. Trotzdem. Die deutschen Truppen standen in Finnland, im Kaukasus, in —