Man hörte Therese an Ruths Türe pochen. Man hörte sie halblaut rufen. Dann ging die Türe. Therese verschwand in Ruths Zimmer und kam nicht wieder.

Nun?

Endlich — nach langer Zeit kam Therese wieder zum Vorschein. Ihre Miene war verstört. Hilflos blieb sie an der offenen Türe stehen. Therese — sie hieß gar nicht Therese, aber sie wurde, seit sie im Hause des Generals lebte, so genannt, sie hieß Ernestine — Therese war, wie häufig, von ihrer Angst vor dem General gelähmt. Sie fürchtete ihn für gewöhnlich, sie ließ sich nicht gerne in ein Gespräch mit ihm ein, lebte für sich in den hinteren Räumen und kam nur selten nach vorn. Aber bei besonderen Ereignissen steigerte sich ihre Furcht zum Entsetzen. Und in diesem Augenblick erschien ihr der General wahrhaft erschreckend — in seinem fleischfarbenen Schlafrock und den roten Pantoffeln. Ihre Augen zerrannen vor Ratlosigkeit, ganz wie seinerzeit, als sie vor dem Gericht aussagen sollte. Damals, als der General den Prozeß führte und man sie kreuz und quer über alles Mögliche ausforschte. Damals, als es keine Ruhe mehr im Hause des Generals gab, nur Tränen. Therese fühlte, daß wiederum etwas nicht in Ordnung war.

Der General aber starrte sie an, er begriff nicht. Sein Schnurrbart zitterte, und Therese, die dieses Anzeichen sehr gut kannte, machte eine verzweifelte Anstrengung zu sprechen. Ihr altes Gesicht legte sich in tausend Runzeln und kleine Falten, als ob sie weinen wollte. Die Finger zupften an den rasch übergeworfenen Kleidern.

„Ruth ist nicht hier.“

Der General hatte nicht recht gehört.

„Sie ist nicht in ihrem Zimmer.“

„Nicht hier —?“

Aber gerade in diesem Augenblick wurde seine Aufmerksamkeit auf ein Geräusch an der Türe gelenkt. In der Türe der Diele drehte sich ein Schlüssel, und er wartete voller Spannung, was nun geschehen würde. Zuerst erschien also eine kleine Hand, in grauen Handschuhen. Dann der braune Pelzbesatz eines Ärmels, und schließlich stand Ruth in voller Person mitten in der Türe. Auf ihrer kleinen, braunen Pelzmütze lagen Regentropfen. Ruth erschrak nicht. Ihre braunen Augen, die weichen, leuchtenden Augen der Sommerstorf, waren voller Erstaunen auf den General gerichtet.

Dann aber begannen ihre Blicke sich langsam mit Unruhe zu füllen. Das Leuchten erlosch, sie wurden dunkel.