Schmachvoll, schmachvoll! Er hatte Tränen in den Augen. Wie kam er doch dazu, ganz einfach den Löffel voll Suppe über ihre Schürze zu gießen? An diesem Tage trank er so sehr, daß er schließlich die Treppe hinabstürzte und sich blutig schlug. Aber so geschah ihm gerade recht.
Seit diesem Vorfall blickte er auf die Tochter des Generals mit andern Augen. Sein Herz pochte, sobald er sie erblickte.
Diese Gedanken erfüllten den kleinen alten Mann, während er durch das Labyrinth der Straßen eilte. Er überquerte wimmelnde Plätze, geriet in Strudel von Menschen, die aus der Erde quollen — und plötzlich machte er Miene umzukehren, den ganzen Weg, den er gekommen war, zurückzugehen. Wie? Sollte er in die Lessingallee gehen, heute abend? Nein, nach Hause, ohne Widerspruch, verstanden?
8
„Oberleutnant v. Hecht-Babenberg?“
„Dritte Station, meine Dame, den Gang entlang und dann links. Zimmer 233.“
Man mußte nur höflich fragen, dann bekam man selbst hier in Berlin höfliche Auskunft. Hedi war stolz auf ihre Fähigkeit mit den Menschen umzugehen. Selbst jetzt, wo sie rasend wurden, wenn man sie nur anblickte, kam sie noch vorzüglich mit ihnen aus. Allerdings sah dieser Pförtner wohl auf den ersten Blick, daß er eine Dame vor sich hatte. Sie wollte natürlich einen guten Eindruck machen, wenn sie Otto besuchte, und hatte ihr himbeerfarbenes elegantes Hütchen aufgesetzt. Dazu trug sie den Biberkragen von Mama und helle Seidenstrümpfe.
Aus der Papierhülle lugten drei weiße Rosen.
Es roch nach Karbol, aber Hedi liebte Karbolgeruch. Alles war blitzblank und eigentlich weniger schrecklich, als sie es sich gedacht hatte. Sie liebte es nicht, derartige Orte zu besuchen, Friedhöfe, Krematorien, Krankenhäuser flößten ihr Schauder ein. Sie mied sie. Nur Mamas Grab besuchte sie zuweilen — aber das war ja schon lange her.