Nun aber wurde der breite Korridor belebter, und sie schritt schon etwas zaghafter vorwärts.
Ein Soldat, dem der rechte Fuß abgetrennt war, humpelte an ihr mit bloßem Fußstumpen vorbei. In hellen Krankenkleidern saßen auf einer langen Bank Soldaten mit verbundenen Armen, Beinen und Köpfen. Sie erwarteten sie mit neugierigen Blicken, musterten sie von oben bis unten, und sie fühlte voller Unbehagen all die Blicke der verwundeten Männer auf ihrer Haut. Plötzlich wurde die Türe eines Saales geöffnet, und Hedi war so unvorsichtig, einen Blick in den Saal zu werfen. In diesem Saale wurde auf einem Holztisch gerade ein Soldat verbunden, dem ein Bein bis zum Knie amputiert war. Der nackte Schenkel endete nicht — zu Hedis Entsetzen — mit einem Fuße, sondern mit einer Art Pferdehuf, einem roten Lappen unterhalb des Knies. Ein Arzt betupfte den roten Pferdehuf mit Watte. In diesem Augenblick drehte der Verwundete seine Augen zur Türe, Augen voll größter Qual und äußersten Schmerzes. Schon wurde die Türe wieder geschlossen. Hedi war nahe daran zu taumeln. Hinter der Türe eines Operationssaales stöhnte ein Verwundeter, und die barsche Stimme eines Arztes gebot ihm Ruhe. An einer Kreuzung von Korridoren stieß sie auf eine Tragbahre, die von zwei Soldaten vorübergetragen wurde. Mit einem Laken zugedeckt lag darauf ein Soldat, dessen Gesicht bis zur Nase verhüllt war. Er hatte die glänzenden Augen zur Decke gerichtet und sah sie nicht an.
Hedi war purpurrot geworden. Welcher Irrsinn, hierher mit einem himbeerfarbenen Hut und hellen Seidenstrümpfen zu kommen? Sollte sie umwenden — entfliehen?
Da aber schrak sie zusammen!
Wildes Geschrei, als ob jemand lebendig in Stücke geschnitten würde.
Mein Gott, was müssen diese Menschen Unsägliches erdulden! Wer ahnt es denn? Das Geschrei trieb sie rascher vorwärts. Da aber knallte eine Türe, und das Geschrei erscholl plötzlich in nächster Nähe. Ein schreiender Soldat, der den verbundenen rechten Arm hochhielt, stürzte über den Korridor, gefolgt von einer Schar von Ärzten und Krankenschwestern. Der Schreiende lief wie gehetzt den langen Korridor hinunter. In der weißlackierten Türe erschien das bebrillte, fahle Gesicht eines Arztes im weißen Kittel, der laut auflachte.
Das Geschrei entfernte sich.
Hedis Blick flatterte. Ihre Haut war von Hitze bedeckt wie von heißem Sand. Entsetzen hauchte aus diesen getünchten Mauern. Dieses Krankenhaus war ein endloses Labyrinth, durch graues und blaues Eis gehauen. In der Ferne tauchte die Dämmerung an den kahlen Korridorfenstern, Schatten humpelten, hinkten durch ferne Quergänge. Ein Labyrinth mit Tausenden von Kammern voller Qualen und Grauen. Tag und Nacht schnitten hier die Messer in Menschenfleisch, unaufhörlich füllten sich die Eimer mit Blut und Eiter. Die Wände schwangen von Schmerzen. Das ganze Haus war wie eine Riesenwunde, eine Schlucht von eiterndem Fleisch, in der die Ärzte mit ihren Messern kletterten.
Da kam aus einem Quergang würdevoll ein hoher Offizier geschritten. Langsam trieb seine massige Gestalt mit den steilen Schultern — wie eine Erscheinung aus einer anderen Welt — durch den Korridor. An den Umrissen schon erkannte Hedi den General. Zwei Krückenmänner stellten sich in Positur, einer mit Socken an den Füßen, dem andern fehlte ein Bein. Sie standen auf den Krücken gegen die Wand gelehnt und warfen das Kinn in die Höhe. Auf einem Stuhl kauerte ein Krüppel mit dickumwickeltem Bein. Er blieb sitzen, den Oberkörper steif aufgerichtet, und stellte die beiden Krücken vor sich hin, als präsentiere er wie mit dem Gewehr.
Der General schritt vorüber, ohne Hedi anzusehen. Sie hatte ihn übrigens nur einmal bei Dora getroffen, er hätte sie schwerlich wiedererkannt.