„Auch Kuchen?“
„Auch etwas Kuchen, bitte.“
Da saß sie nun wieder, Hedi. Erstens, dachte sie, erstens und zweitens und drittens — man muß nun genau überlegen. Es wird höchste Zeit, so geht es nicht weiter.
Erstens also stand fest, daß sie sich in ewiger Geldkalamität befand. Zweitens langweilte sie sich zu Hause zu Tode, und drittens: es mußte etwas geschehen. Sie hatte keine Lust, ihre ganze Jugend zu vertrauern, nur weil dieser Krieg kein Ende nahm.
Aber nicht so rasch, bleiben wir bei erstens. Dieses bißchen Taschengeld, das ihr Papa an jedem Monatsersten mit strahlender Miene einhändigte — lächerlich. Wie konnte Papa glauben — nun, Papa verstand es eben nicht anders. Es blieb nichts anderes übrig, als Geld zu schaffen! Es lag ja zurzeit auf der Straße, die Leute sagten es wenigstens, die Millionen flogen durch die Luft. Sollte sie filmen? Schnurrige Idee, aber leider unausführbar. Man mußte — wie herrlich war doch diese Musik, voller Mut! — man mußte Verbindungen haben, und die Gesellschaft —? Nein. Übrigens, diese Gesellschaft, darauf gab sie nicht so — viel!
Immerhin — der Kellner brachte den Tee, und Hedi war für eine Weile in Anspruch genommen. Wieder saß die Weizenblonde mit den Brillantohrringen da, und auch jene Dunkele, Tragische, mit den hellgelben Stiefelchen. Und jener alte Herr mit dem Schnauzbart und der Glatze nahm ebenfalls wieder hier seinen Tee. Hedi schloß plötzlich, um sich zu amüsieren, das eine Auge und blinzelte ihn über das Teeglas hinweg unvermutet an. Der Herr mit der Glatze prallte im Sessel zurück — aber schon hatte Hedi ihr Batisttüchelchen aus der Tasche genommen und rieb sich das Auge, als sei etwas hineingeflogen. Nein, wie komisch diese Männer waren!
Ja, Geld mußte jedenfalls geschafft werden. Sie besaß, zum Beispiel, drei Paar Seidenstrümpfe. Schon rannen die Maschen, obgleich die Strümpfe nur bei besonders feierlichen Anlässen getragen wurden. Aber wenn diese Strümpfe nun unbrauchbar wurden? Die Handschuhe, die Stiefel, wenn es sich darum handelte, ein neues Kleid zu beschaffen —? Und schon würde sie aus der Klasse der Tadellosen, der Ladies ausschalten. Schon, es ging rasch, die Gesellschaft duldete keine abgeschabten Knopflöcher, keine geflickten Stiefelchen. Und sie würde second class sein — unerträglich! So unglaublich es klang, ihre Zukunft, ihr ganzes Leben hing an einem Paar Seidenstrümpfen.
Fürchterlich war der Gedanke an den Sturz in die Tiefe. Sie erschrak, Schwindel ergriff sie. Es war aber hohe Zeit, den Tatsachen ins Gesicht zu sehen.
Bald würde sie sich, zum Beispiel, um nur ein Beispiel zu nennen, wieder ein Stück Seife im Schleichhandel kaufen müssen — so ging es jeden Tag!
Zu Hause war das Leben unerträglich geworden. Papa, lieb und gütig, aber immer müde, überarbeitet, immer beschäftigt. Und dabei wußte er gar nichts, trotzdem er im Auswärtigen Amt arbeitete! Häufig geschah es, daß sie bei Tisch etwas sagte, etwas Politisches, und Papa schüttelte tadelnd den Kopf. Man sagt so etwas nicht, mein Kind. — Aber Papa, es stand ja schon vor drei Tagen in der Zeitung! — Ah, schon vor drei Tagen —? — So war Papa. Klara war ein Kind. In einer Minute tanzte sie wie eine Närrin, in der nächsten weinte sie. Sie kannte das Leben noch nicht. Sie war noch nicht in das Alter gekommen, wo jeder Tag ein Problem ist, ein fürchterlicher Kampf, wo man bei lebendigem Leibe täglich vor Sehnsucht verbrannte — wo man wartete, wartete — wo das Warten das schrecklichste Leiden ist. Oh, schrecklich! Schrecklich!