Grau gingen die Tage. Sie lebten äußerst bescheiden, sie besaßen kein Vermögen. Dazu, hatte Papa ihnen verboten, die Gesetze für die Ernährung im geringsten zu verletzen. Wie lebten sie, was aßen sie — trotzdem sie alles Mögliche auf den Tisch schmuggelten — es war eine Schande und niemand durfte es wissen, wenn sie nicht für immer unmöglich sein sollten. Zum Beispiel Rüben, wie die Kühe sie bekommen, erfrorene Kartoffeln . . .

Grau, kalt, finster gingen die Tage.

Licht, Glanz, Wärme, Frohsinn, Tanz, Feste, die früher den Eintritt der jungen Mädchen in das Leben begleiteten — wo waren sie? Sie hatte vor dem Kriege nur zwei Bälle mitgemacht, davon träumte sie noch heute.

Was war diese Musik im Vergleich zu jener Musik auf den Bällen? Ein zaghaftes Echo. Diese Beleuchtung — ein Abglanz. Das Lachen der Menschen von heute, ihre Mienen — Schatten in einer Schattenwelt, nicht mehr, nicht mehr . . .

Plötzlich aber beugte sich Hedi errötend über das Teeglas: dort stand er! Der Spanier war gekommen! Er wußte, daß sie wieder hierherkommen würde, daß er also, wenn er sie zu sehen wünsche — sie hatten sich verstanden.

In seinem gelben Mantel stand er im Mittelgang und polierte das Einglas. Er hatte sie sofort gesehen und überlegte nun. Ob er den Mut haben würde sie anzusprechen? In der Droschke hatte sie schon Träume gesponnen — ein Wiedersehen beim Tee, zum Beispiel im Adlon oder Bristol — vielleicht ein Theaterabend, in einer Loge — ein Diner, wo man plauderte . . .

Er kam. Hedi hatte ihre Verlegenheit vollständig überwunden und blickte ihm ruhig entgegen. Sie war wieder ganz Lady. Ströbel kam geradeswegs auf sie zu, die Brauen wie vor freudigem Erstaunen hochgezogen. Aber je näher er kam, desto häßlicher wurde er. Sein gelber Mantel war etwas zu weit, zu auffallend. Die ganze Kleidung zeigte eine etwas übertriebene Eleganz. Ah, und nicht die Spur von einem Spanier, er war eine — Bulldogge. Seine blaurasierten Wangen waren etwas faltig, fahl und verlebt, nichts blieb von dem Spanier als das glänzende schwarze Haar, das um eine Kleinigkeit zu eng an den Kopf gebürstet war, das um eine Idee zu stark pomadisiert war — nicht first class mit einem Wort.

Aber er hatte die Nonchalance, die Manieren der großen Welt.

Mit unübertrefflicher Zwanglosigkeit verbeugte er sich. „Unser gemeinsamer Freund hat einen Unfall erlitten —“, begann er, gänzlich unbefangen. Und er verlor seine Unbefangenheit auch nicht, als Hedi ihn anblickte — gänzlich verständnislos. Obschon sie doch mit ihm das Theater besuchen, dinieren, plaudern wollte, bei einem Glas Sekt zum Beispiel — gänzlich verständnislos.

„Sie täuschen sich, mein Herr“, erwiderte Hedi mit einem liebenswürdigen, verstehenden, verzeihenden Lächeln, einem Lächeln, wie nur eine Dame von Welt es auf die Lippen zu zaubern vermag.