Der Bahnhof von Sedan ist so still, daß ich ihn kaum wiedererkenne. Im Oktober stand hier Zug an Zug, Gewühl, Lärm, Staub, Kanonen, Truppen, Sanitäter, Schwestern, Gefangene, Verwundete, Schmutz und Blut. Er war ein krachendes Rad am Kriegswagen. Heute ist es der Bahnhof einer kleinen Provinzstadt mit mäßigem Verkehr. Nichts sonst. Zwei endlos lange Lazarettzüge stehen da, aber sie sind beide unbelegt. Sie stehen in der grellen Sonne, alle Türen und Fenster offen, und schlafen. Das Personal sitzt und sonnt sich. Eine kleine rotbäckige Schwester gähnt und klopft sich auf den Mund, als sie sich beobachtet sieht. Ein Krankenwärter sitzt auf dem Trittbrett und schneidet sich sorgfältig die Nägel; ein andrer wäscht sich, er hat eben ausgeschlafen. Im Arztwagen ist keine Seele zu sehen. Wahrhaftig, wäre es nicht frivol, so könnte man sagen, die Lazarettzüge sehen wie Badehotels aus, die auf Gäste warten. Bei den Rampen stehen auf den Loren zwei nagelneue Flugzeuge, die Flügel zusammengeklappt, wie Schmetterlinge, die eben aus der Hülle schlüpfen und sich die Flügel von der Sonne trocknen und ausbügeln lassen. Bald werden sie hoch oben auf der sonnigen Luft liegen. Vom Frühling ausgebrütet, glänzend neu, liegt Material da und dort auf den Stationen: Lastautomobile, ohne Tadel, grüngestrichene Pumpen, feldgraue Karren; ein Trupp Infanterie, mit neuen Uniformen und frischen, roten Gesichtern, wie Knospen, gerade vom Gärtner geschnitten. Auf einem in der Sonne blitzenden Geleise stehen ein paar Geschütze. Neu wie das Gras auf der Wiese. Sie haben noch kein Blut geschluckt, es sind Kanonenjungfrauen; drall, massiv, die Haut glatt und kalt. In ihre ehernen runden Hüften gestützt, harmlos und unschuldig wie junge Raubtiere, glotzen sie mit ihren runden Mäulern, von dem Instinkt ihrer Rasse getrieben, in die Richtung, in der sie den Feind wittern.
Der Zug fliegt weiter, läßt die Jungfern hinter sich, die neugierig und dumm noch immer in die gleiche Richtung starren, bis sie plötzlich hinter einem Berg von Blüten verschwinden. Ja, die Geschütze werden bis an den Hals in Blumen versinken, aber feuern werden sie doch! Eine Feldwache liegt unten im Schatten von Kastanien und schreit nach Zeitungen. Auch sie, die Biedern und Treuen, haben ein frühlingshaftes und friedlicheres Aussehen bekommen. Früher, in den kalten Monaten, eingemummt in Decken, Tücher und Mäntel, erschien jeder einzelne, der an der Strecke stand, wie ein festmontierter Panzerturm, drohend und unerbittlich. Heute, mitten im Grün, sehen sie lachend und friedfertig aus, wie gutmütige, treuherzige Burschen, die sie sind. Das herrliche Wetter hat sie aus ihren Löchern und Bauten gelockt und sie sonnen sich und genießen. Sie haben es redlich verdient. Ich konstatiere mit Freuden, daß der Winter ihnen nichts geschadet hat. Wohlgenährt, rosig und blühend sehen sie aus. Sie sind guter Laune und nun ganz zu Hause. Eine Wache hat große Wäsche und wirtschaftet schwitzend und halbnackt im Garten. Die Herrlichkeiten bleichen auf dem Rasen. Ein Dienstfreier hat soeben sein Bad genommen. Nur mit einer hochgekrempten Leinenhose bekleidet, sitzt er im saftigen Gras und schmort. Er hat ein Handtuch wie einen Turban um den rotglühenden Schädel geschlungen, da sitzt er wie ein Sultan und glänzt vor Gesundheit und guter Laune. Neben ihm hockt ein winziger weißer Hund, kaum acht Tage alt. Andre stehen vergnügt in einem Kreise von Weibern und Kindern und winken dem Zuge zu. Häufiger und häufiger aber werden die Angler!
Ist es das französische Wasser, das zum Angeln lockt? Ist es der französische Fisch? Jedenfalls sitzen sie genau wie Stockfranzosen geduldig und aufmerksam mit der Rute da, wie gewiegte Sportsleute und Kenner und ergeben sich der Hypnose des glitzernden Wassers. Es handelt sich hier um einen Sport wie jeden andern, und der Erfolg ist nicht die Hauptsache. Sie sitzen an Pfützen und Löchern, wo gar keine Fische sein können, aber das ist einerlei. Auf einer Station trete ich an einen feldgrauen Angler heran, der so angespannt arbeitet, daß er nicht einmal nach dem Zug umblickt. Ich erlaube mir die Frage, ob er schon etwas gefangen habe? Der Angler dreht bedächtig den roten Nacken. Ob ich nicht sehen könne? Er ist Württemberger. Ach so! Entschuldigen Sie. In einer Blechbüchse neben ihm schwimmen zwei winzige Sardinen.
Aber was ist das? Eine Rudergesellschaft! Fünf Feldgraue befahren in einem gebrechlichen Nachen einen Wassergraben, kaum zwei Schritt breit. Sie haben so voll geladen, daß der Mann im Heck schon mehr im Wasser sitzt als im Boot. Mit ihren primitiven Rudern legen sie einen Knoten in der Stunde zurück. Aber Sport ist Sport. Plötzlich schreien sie laut und wild und lachen: sie sind auf Grund gelaufen.
So viel frohe und helle Stimmen sind in der Luft. Die Hühner gackern in den Gärten, Vögel zwitschern, Kinder wälzen sich lärmend im Gras, die Luft summt von Insekten. Der Himmel strahlt Zuversichten und Hoffnungen. Man atmet auf. Viele Monate hat man an einem schweren Gedanken getragen ...
Ich will in den Speisewagen gehen und frühstücken. Aber gerade als ich die schlingernden Korridore entlang balanciere, beginnt es in der Ferne zu brummen. Ich horche auf. Es rollt, murrt, grollt wie Gewitter, ein Satz ferner Kanonenschläge. Er steht immer noch da draußen, der blutige Trommler und schlägt seine Wirbel! Ich hatte ihn fast vergessen.
Das Feuer von Ypern
8. Mai 1915
Während die verbündeten Armeen in Westgalizien das russische Tor aus den Angeln brechen, sind wir hier oben im Westen dabei, die englisch-französische Panzertür einzurennen. Der Gegner hier oben ist zäher und intelligenter und läßt sich die Zähne aus dem Maul schießen, bevor er weicht. Die Kämpfe sind wütend. In aufrechten Sturmkolonnen liefen die Engländer da und dort gegen das Feuer unsrer Gräben an. Man ist guten Muts und voller Zuversicht. Wie ich höre, haben sich unsere Truppen in höllischen Nahkämpfen wie Rasende geschlagen. Sie gingen wie glühende Teufel vor. Ich sah sie heiß und dampfend aus den Stellungen zurückkehren, und der Rausch des Kampfes lag noch in ihren siedenden Augen und über den rauchenden, marschierenden Kompanien. Einige trugen Verbände, die meisten hatten schon wieder den Weg in die Wirklichkeit zurückgefunden und lachten. Seit den letzten Tagen dröhnt hier Himmel und Erde vom Donner der Geschütze. Die Kraterkette, die die deutschen Batterien in weitem Bogen gegen Ypern vorschoben, speit täglich Hunderte von Tonnen Eisen in den Hexenkessel von Ypern hinein. Ein Hauptmann versicherte mir, das Feuer sei heftiger, als es vor Antwerpen war.
Heute morgen um sechs Uhr war ich an der Front, die im Südosten an das Operationsgebiet von Ypern stößt. Die Kanonen sind noch früher aufgestanden. Sie pochen, atemlos, wie schwere Schmiedehämmer, die im Akkord arbeiten, und die Luft wettert von den wütenden Schlägen. Auch nicht eine einzige kleine Sekunde Pause gönnen sie sich. Sie sind ein Rudel von Gewittern im Hochgebirge, die knurren und grollen, verstört hin und her irren und nicht zur Ruhe kommen. Häufig fallen die Schläge zusammen, und dann dröhnt und rollt es, als donnere eine Bergwand zu Tal. Sie stampfen über und unter der Erde, sie sind ringsum, überall. Der ganze Horizont brandet. Sie saugen die Atmosphäre ein und schnauben sie aus. Das Gebäude der Luft wankt. Je näher das Auto jagt, desto wütender und wilder wird das Feuer. Deutlich hört man aus dem atemlos auf und ab wogenden Pochen und Stampfen das böse, tiefe Raubtierknurren der schwersten Geschütze heraus, die die andern überbrüllen.