Wir halten in einem zerschossenen Gehöft, einige hundert Meter von den englischen Stellungen entfernt, und der Boden rollt ununterbrochen unter meinen Füßen, wie von schweren Lastautomobilen. Die Seismographen, denke ich, müssen die Erschütterung der Erdkruste auf Hunderte von Meilen im Umkreis anzeigen, falls sie etwas taugen. Ich habe noch kein Erdbeben erlebt, aber es kann kaum anders sein. Es ist richtiges wildes Trommelfeuer (ein neues Wort für mich) und zuweilen verschlägt es mir den Atem, obschon ich einigen Lärm vertrage. Schlag auf Schlag, bebend von Leidenschaft, unerbittlich und rasend, Salvenhiebe eines Boxers, der den Gegner erbarmungslos niederhämmert. Die Geschütze schütteln sich vor Wut, sie glühen und taumeln, kochenden Schaum vor dem Maul, und speien ihren Haß hinüber.

Der Morgen ist göttlich. Die Welt leuchtet und die Vögel singen unbekümmert. Aber ich sehe und höre nicht, ich ergebe mich der lauten Brandung des Feuers, die mächtig, wie der Ozean, daherrollt. Zuweilen wage ich es, einen kleinen scheuen Blick zum Himmel emporzuwerfen, der in seiner Herrlichkeit blendet, zuweilen erbleiche ich im Innern, und manchmal hätte ich Lust, mich zu bekreuzen. Ich bin, ohne mich’s zu versehen, mitten in ein Gewitter der Urzeit geraten, da die Erde sich spaltete und die Gebirge gebar. Oder was ist es? Führt die Erde Krieg mit der Sonne und befeuert sie aus ihren Vulkanen rasend das Gestirn am Himmel? Poltern Unholde im Raum, die ich nicht sehe und die rings um mich toben? So unheimlich und mächtig ist das Toben, von solch elementarer Wucht, daß meine Maßstäbe versagen, wie vor den Zahlen der Astronomen, und es mir schwer wird zu glauben, daß hier Menschen kämpfen und auf Fleisch und Knochen geschossen wird. Ja, verstehst du wohl, es ist der Mensch, von menschlichen Müttern geboren, der hier eine Sache unter sich ausmacht. Auf seine Art, mit seinen Maschinen und seinem Zorn. Der Dämon der Erde, angefüllt mit urweltlichen Instinkten, die lange schlafen und die ein Nichts wecken kann. Ich bin, wenn man will, in ein Völkergewitter geraten, das sich wütend entlädt, bei dem es Eisen hagelt und Blut regnet.

Ich muß gestehen, ich möchte heute nicht in Ypern und in der Umgebung Yperns sein. Ich möchte auch nicht, daß ein Freund und Bruder von mir dort wäre. Selbst für englische Nerven, denke ich, muß es genügen, und ich bin sicher, heute gehen ihnen die Pfeifen aus. Ich spreche gar nicht von den Franzosen und Farbigen, die mit der Hälfte zufrieden wären. Sie – die Engländer – wissen recht gut, daß es uns Ernst ist, und täuschen sich nicht über die Lage. Unerbittlich und mitleidlos ist die Sprache der Geschütze. In ganzen Rudeln stoßen ihre Flugzeuge aus dem Feuerloch, aufgescheucht und unruhig, und kreuzen hartnäckig und verzweifelt über unsern Stellungen, um die Geschütze zu finden. Wie zornige Raubvögel, deren Horst brennt, kreisen sie hoch oben und spähen nach dem Feind. Heute morgen, vor fünf, hat mich schon das Krachen der Abwehrkanonen aus den Federn getrieben. Nun, da der Tag wächst, stehen bald rechts, bald links hoch oben am blauen Himmel die Reihen der weißen Schrapnellwölkchen. Plötzlich kracht es auch dicht neben mir, ein harter und naher Knall, und eine Granate zischt gierig und böse knirschend über meinen Kopf hinweg in den Himmel empor. Ein englischer Doppeldecker in eiliger Fahrt, gut 2000 Meter hoch. Das Schrapnell explodiert hinter ihm. Zwei, drei. Wie Raketen fauchen sie in die Höhe. Vier, fünf. Ein Maschinengewehr rasselt und streut eine Fontäne von Spitzkugeln in den Äther. Nun reißt ein Geschütz in einiger Entfernung links ab und der Engländer bekommt Stirnfeuer. Prächtige Schüsse! Ein Schrapnell muß dicht über ihn weggeflogen sein. Der Engländer hat genug, er wendet in toller Kurve und geht mit dem Wind davon. Aber er kommt wieder. Dreimal versucht er es, hartnäckig und kühn, unsre Stellungen zu überfliegen, und dreimal muß er zurück. Das Maschinengewehr hämmert wie toll und kann sich nicht mehr beruhigen.

Das Geschützfeuer aber rollt und pocht, ohne Atem zu holen, die Salven dröhnen. Die Schlacht geht weiter. Wie sage ich? Sie hat erst begonnen. Es ist sieben Uhr.

Am Abend sah ich die Sonne im Westen versinken, blutrot, groß und düster, wie sie an großen historischen Schlachttagen gesunken sein soll. Sie sah aus wie ein blutüberströmtes Antlitz, die Sonne von Ypern, naß, zerschossen, und sterbend noch voll Majestät.

Die Geschütze aber schlugen noch immer.

Die Feldschanze

Mai 1915

Der Adlerwagen fegt die Landstraße hinunter, als sei der böse Feind hinter ihm her. Er springt in langen Sätzen über die frischbeschotterten Granattrichter hinweg und sucht so rasch wie möglich in Deckung des zerschossenen Gehöftes zu kommen, auf das die staubige Straße schnurgerade zuführt. Die Sache ist die: gewöhnlich setzt es hier eine Lage, und die feindlichen Geschütze sind, wie ein Blinder sehen kann, verteufelt genau eingeschossen. Allein nichts geschieht. Der Wagen duckt sich hinter eine Backsteinbaracke, ein ehemaliges Wirtshaus, dessen Stirn jämmerlich zerschmettert ist wie von Keulenhieben. Hier pflegen die Granaten gewöhnlich einzuschlagen.

Der Begleitoffizier hegt noch immer Hoffnungen. Er lauscht hinüber, und ich sehe ihm deutlich an, daß er enttäuscht ist. Er hatte mir die Lage angekündigt und empfindet es als eine Störung des Programms, daß der Feind zu faul ist zu schießen.