Der 9. Mai kam heran! Offizier und Mann werden ihn nie mehr vergessen. Er kam heran, und nun mußte es sich zeigen, was eigentlich in ihm steckte, in dem badischen Regiment Nummer X! Nun mußte es sich zeigen, ob die Höhe, die blutgierige und verfluchte Höhe, das Regiment gestählt hatte in der halbjährigen harten Schulung oder nicht. Es mußte sich zeigen, ob das Regiment imstande wäre, sich selbst um das Doppelte und Dreifache, das Zehnfache zu überbieten! Darum handelte es sich, um nichts Geringeres. Joffre wollte die Höhe! Er wollte sie um jeden Preis! Über Souchez von unten, die Schlammulde von oben, über Ablain und die Kanzel von hinten wollte er vor. Zwischen Souchez und Schlammulde wollte er abdrosseln. Das war die Lage. Es ging ums Ganze, das Regiment mußte zeigen, was in ihm steckte.

Und das Regiment zeigte es!

Um sieben Uhr morgens fing es an. Die französische schwere Artillerie begann die vordersten Grabenlinien einzutrommeln. Wirbelfeuer, schwerstes Kaliber. Dieses Höllenfeuer dauerte bis elf Uhr dreißig Minuten.

Der Kommandeur des Regiments: „Als ich von unserem Beobachtungsstand aus das Feuer beobachtete, da dachte ich mir, es kann kein Mann mehr in den Gräben am Leben sein!“

Der Reservist aus Bretten: „Die habe uns die Gräbe hübsch zusammengewichst. So was war noch gar nicht da. Alles war schwarz!“

Die Drahtverhaue und Barrikaden waren niedergetrommelt, die vorderen Gräben existierten nicht mehr. Sie waren Granatlöcher. Die Kompanien lagen in den zweiten Gräben. Alles war schwarzer und gelber Qualm, glühende Rasiermesser zischten über die Gräben hin.

Halb elf wurde das Feuer weiter zurück, auf die zweiten Gräben gelegt. Was ist zu tun? Frage die Soldaten, die in diesen Gräben waren. Nichts kann man tun. Man liegt der Länge nach im Graben, den Kopf in die Erde gedrückt. Einer schreit auf, einer stöhnt. Was man denkt? Man denkt nichts, nichts, gar nichts! So ist es also, ohne jede Phrase. Es ist die Agonie. Punkt elf Uhr dreißig schweigt plötzlich das Feuer. Was noch kann, erhebt sich. Gewehre fertig. Ein Maschinengewehr ist noch intakt, ein einziges. Los! Schon kommen sie!

Sie kommen heran in dichten Kolonnen, mit unerhörter Bravur, bewundernswürdig. Nie vorher sah man Franzosen so stürmen. Das Maschinengewehr hämmert. Sie fallen, in Reihen. Schnellfeuer. Sie brausen näher. Ein Offizier an der Spitze, mit gezücktem Degen! Er überspringt den ersten Graben, will seine Leute mitreißen, allein, ganz allein stürmt er weiter. Er fällt. Nahkampf. Angriff erledigt! Aber was ist das? Sie sind im Rücken! Eine halbe feindliche Kompanie ist in die Verbindungsgräben eingedrungen und kommt in den Graben. Sandsäcke!! Nun gilt es. Der Offizier schreit, der Mann. Jeder einzelne Mann ist jetzt Offizier, Kommandeur, er muß handeln, rasch und klar. Sandsäcke! Handgranaten! Die Barrikade ist fertig, die Handgranaten fliegen in Schwärmen zum Feind über die Sandsäcke hinüber. Der Feind ist abgeschlossen. Aber neue Sturmkolonnen kommen heran, sie fliegen die Höhe herunter. Salvenfeuer, das Maschinengewehr schnarrt. Es sind ihrer zu viele, immer neue Kolonnen. Aber der Kommandeur hat seine Leute nicht vergessen und den kühlen Kopf bewahrt. Artillerie! Plötzlich schlagen Granaten in die feindlichen Sturmkolonnen. Fontänen von Leibern, Kleidungsstücken, Köpfen und Gliedmaßen fliegen hoch. Es ist zwei Uhr, schon nahen die Bataillone, die in Ruhestellung waren.

Nein, allein hätten sie es nicht schaffen können, gewiß nicht. Alle Regimenter, von Neuville bis hinauf nach Aix-Noulette, mußten mithelfen, mit gleicher Tapferkeit, alle Batterien, Munitionskolonnen, Telephonisten, Beobachter, Flieger, jeder einzelne Mann. Frage die Soldaten des tapferen badischen Regiments. Sie sprechen nicht von sich allein. Sie sagen: Souchez war unter Feuer, daß die Häuser auf die Straße flogen. Es waren Torpedogranaten, schwere Dinger, die sich tief einbohren und dann alles in die Luft schmeißen. Die Munitionskolonnen fuhren mitten durch Souchez! Eine Kolonne raste auf offener Landstraße dahin. Granaten rechts und links. Zur Batterie, abgeladen, weiter. Zurück denselben Weg. Ohne einen Mann, ein Pferd zu verlieren. Eine Batterie ist zusammengeschossen. Noch zwei Geschütze. Sie verfeuert noch rasch 1300 Granaten, immer hinein in die Sturmkolonnen, Verschlußstücke abgeschraubt und aus dem Staube gemacht ...

Nein, allein hätten sie es nicht geschafft, aber ihre Arbeit war mörderisch hart und schwer. Und sie hielten die Gräben, die Granatlöcher besser gesagt. In Abständen von fünf Metern lag der Feind eingegraben, fünf Metern! Fünfzehn und zwanzig Meter Abstände wurden gar nicht mehr für schwierig empfunden. Einen Tag und eine Nacht, und noch einen Tag und noch eine Nacht. Was sie mühsam zusammenbauten in den Sekunden, in denen die Leuchtkugeln sie nicht abblendeten, war in einer Stunde wieder zusammengeschossen. Angriff auf Angriff. Heroisch kämpfte der Franzose, wie nie zuvor.