Mitten in der Reihe der gelben Automaten stand ein Franzose. Auch er stand in militärischer Haltung, aber man sah auf den ersten Blick, daß er keine Maschine, sondern ein Mensch war. Seine Haltung war locker, frei und würdig. Sie waren Statisten auf dem Kriegsschauplatz, er war Soldat. Sein Kopf war rund wie eine Kugel, gespickt mit blonden Haarstoppeln, oben und unten, sein Blick blau und seine Backen rot. Er war ein guter Bursche, der typische bon garçon, Spaßvogel und pfiffiger Junge in einer Person. Noch war er ein wenig eingeschüchtert durch das Unglück, das ihn betroffen hatte, aber das würde sich bald wieder geben, keine Sorge.

Wieso er hierher käme? – Oh, ja, pardon – seine Hände lösen sich, denn er brauchte sie zum Sprechen – er hatte eben Pech! Nichts andres. „Que voulez-vous, monsieur?“ Er war Koch und arbeitete in der berühmten Zuckerfabrik zwischen Souchez und Ablain. Er steigt also vom Garten aus in seine Küche hinunter, um anzufangen. Zwei deutsche Gefangene sitzen da unten im Keller, sonst aber ist niemand zu sehen. Das ist ein bißchen merkwürdig, nicht wahr? Also steigt er die Treppe hinauf, und die zwei deutschen Gefangenen begleiten ihn, da sie ja nichts zu tun haben. Kaum aber stecken sie die Köpfe in den Korridor – na, was sagst du dazu: die Deutschen sind da! – Man kann es nicht leugnen, das ist solides Pech!

Der Koch zieht den Kopf zwischen die Schultern und breitet die Arme aus. „Eh, bien! Que voulez-vous ...“

„Können Sie sich denn mit diesen Gelben hier verständigen?“ Ein Blick, ein Ruck, ein verächtliches Achselzucken: „Mit diesen Gelben? Kein Wort, mein Herr!“ –

Man weiß, daß wir in diesen Kämpfen bei Arras fünfzehnhundert Gefangene gemacht haben. Heute sind es schon mehr. Das ist eine hübsche Anzahl, wenn man sich daran erinnert, daß wir uns rein defensiv verhielten, und für den Westen ist es ein großer Erfolg. Denn hier regnen die Regimenter nicht von den Bäumen wie in Rußland, sie hocken zäh in ihren Dachsbauten und jeder Mann muß sozusagen einzeln geholt werden. Die Fünfzehnhundert sind längst abtransportiert, aber heute nacht sind neue eingebracht worden, und ich besuchte sie in einem Nebenhofe der Kaserne. Im eigentlichen Kasernenhof exerzieren ein paar Kompanien unsrer Feldgrauen, und hier, drei Schritte davon entfernt, kauern sie, die gestern noch kämpften, und denen man die Waffe aus der Hand nahm.

Es sind ungefähr fünfzig. Sie sitzen und liegen in der Sonne, mit Schmutz und Blut bespritzt, so wie die Schlacht sie auslieferte. Einzelne starren bis hinauf zur Brust von trockenem Lehm. Der eine und der andre hat einen Verband, eine leichte Verletzung an der Hand, am Kopf. Einer sitzt mit dem Rücken gegen die Wand gelehnt, starrt zum Himmel und friert trotz der höllischen Hitze. Die meisten aber haben sich schon wieder zurechtgefunden, ihr Blick ist klar und ruhig. Nur zwei, drei rote Hosen sind darunter. Alle andern stecken in taubengrauen oder, wenn man will, taubenblauen, langen Röcken aus solidem filzartigen Tuch, die taubengraue Mütze auf dem Kopf. Es sind Elitetruppen.

„Die Leute über vierzig sollen vortreten!“ Sie kommen heran, sechs, acht, zehn. Aus fünfzig! Gott weiß, ob sie alle über vierzig sind, vielleicht denken sie, hier werden an ältere Semester Zigaretten oder Vergünstigungen, man kann es nie wissen, verteilt. Jedenfalls aber sind sie alle keine jungen Leute mehr, manche sind schon grau. Ich bin so überrascht, so erschüttert, daß ich keine Worte finde. Wie fürchterlich muß der Krieg unter Frankreichs Männern gewütet haben, daß sie hier stehen, zehn aus fünfzig, Familienväter, Ergraute und Gealterte. Sie sind alle gefaßt und wissen sich zu benehmen. Die meisten von ihnen sind Bauern und Handwerker. Ja es war furchtbar! Es war das furchtbarste Feuer, das man sich vorstellen kann. Sie wurden abgeschnitten von einem Riegel trommelnder Granaten. Sie haben genug! „Ja, mein Herr, man schlägt sich, man ist nicht gerade feige, man kämpft für sein Vaterland, das man liebt, wie Sie das Ihrige lieben, man schlägt sich bis zum letzten Atemzug – aber was zuviel ist, ist zuviel. Die menschlichen Nerven sind nicht berechnet für Explosionen dieser Gewalt. Nein, es war genug, genug, zuviel, zuviel. Ich war in der Champagne, im Frühjahr, bah, nichts gegen diese Kämpfe! Nichts! Ich kann Ihnen sagen – nein, es gibt keine Worte, um das zu schildern ...“

„Sie haben schwere Verluste gehabt?“

„Ho, ho, ho!! Schwere Verluste! Hatten wir nicht schwere Verluste? Ja, mein Herr, wir hatten fürchterliche – aber auch Sie, auch Sie hatten schwere Verluste, Sie können es nicht leugnen. Was für ein Krieg!“

Einer, ein Hagerer, Langer, mit krankem gelben Gesicht und entzündetem rechten Auge, schüttelt unausgesetzt verstört den Kopf. Furchtbares Feuer – er schüttelt den Kopf, schwere Verluste – er schüttelt den Kopf, genug, genug, er schüttelt den Kopf und hustet dabei. Ja, gewiß, genug, genug. Er ist noch ganz vernichtet. Er spricht nichts, aber er bestätigt, er unterstreicht. Er ist ein trauriges, melancholisches Echo.