Dicht neben dem Friedhof hat sich ein Major eine Baude gezimmert. Die Decke, der Plafond besser gesagt, besteht aus zwei gehäkelten Bettdecken, die eine Art Baldachin bilden. Ein vergoldeter Sessel, Empire, sehr nobel. An der Wand ein Öldruck: Salut aux blessés. Französische Offiziere, hoch zu Roß, an einer Landstraße. Ein Trupp deutscher Gefangener wird vorbeigeführt. Die Gefangenen sind große, blonde Männer, verwundet, die Offiziere lüften das Käppi. Der Major ist ein Mann von Welt und zieht sofort eine Flasche auf. Leider kann er uns keine Zigarren anbieten. Sitzt er da gestern hier in seinem Sessel, sein Wachtmeister dort, auf dem Tisch stehen die Zigarren, kommt ein Granatsplitter angefegt und zerschlägt ausgerechnet die Zigarren. An der Wand sind Bretter und Stäbe zersplittert.

Mein Hauptmann entschließt sich nun doch, das Auto stehen zu lassen. Er kann schließlich nicht bis in die Gräben fahren. Es geht bergan. Wegweiser, Holzbrettchen mit Aufschriften: Batterie X, Geschütz Y, Beobachtungsstand Z. Dahin wollen wir. Auf Schleichwegen gelangen wir ans Ziel.

Der Beobachtungsstand Z. ist keineswegs so nobel wie die Baude des Majors unten. Er ist ein dunkles Erdloch. Eine Ruhebank, ein Stuhl, ein Telephonapparat, das ist die ganze Einrichtung. Zwei Schatten hausen in der dunklen Höhle. Ein Offizier und ein Soldat. Verbeugungen gegenseitig, ein Händedruck, wir sind zu Hause.

Hier ist es kühl und schattig.

Durch einen Spalt, einen knappen Meter lang und eine Spanne hoch, fällt das Licht des Tages. Vor dem Schlitz steht das Scherenfernrohr. Wie ein eleganter Teufel auf dünnen Spinnenbeinen, mit grauen, dicken Hörnern.

Und da unten, zum Greifen nahe, liegt Soissons!

Eine Stadt! Dicht aneinandergedrängt stehen Häuser und Giebel, schiefergrau und staubig rostgelb. Man blickt in Straßen hinein, kann an den Krümmungen der Giebelreihen das Gewimmel von Straßen, Gassen und Plätzen haarscharf erkennen. Aus der Stadt erheben sich Kirchen und Türme, auffallend hoch, denn selten sieht man eine Stadt aus der Höhe. St. Jean des Vignes, zwei spitze Türme, einer etwas niedriger als der andre, Gotik, alles ganz genau. Rechts davon die Kathedrale. Sie scheint einfacher gehalten zu sein. Der stumpfe Turm leuchtet in der Sonne. Oben rechts ein weißer Fleck. Ein Loch? Durch das Glas sieht man, daß eine Granate in den Kantenpfeiler gefahren ist. Es ist weiter nicht schlimm. Regierungsgebäude, langgestreckt und ehrwürdig grau, Schuppendächer beim Bahnhof, Fabriken. Mit bloßem Auge sieht man die einzelnen Fenster, mit dem Glas die Fensterkreuze. Die Stadt aber ist tot. Kein Fenster blinkt beim Schließen oder Öffnen, kein einziger der Kamine auf den Giebeln raucht. Auch nicht eine Spur von Leben, und doch hausen Tausende von Menschen in der stillen Stadt. Sie stellt sich tot, nur in der Nacht, wenn es ganz finster ist, kann sie ein wenig Atem holen. Die Vororte strahlen von ihr aus in das grüne Tal der Aisne. Neue Häusergruppen, Schuppen, Fabriken. Eine leuchtend gelbe Fabrik auf dem ansteigenden Hang hinter der Stadt, blendend in der Sonne wie ein Schloß.

Breit und sonnig liegt das Flußtal. Ein paar Krümmungen der Aisne blitzen in der Sonne. Erlengebüsche, Baumgruppen, Dörfer und die Hügel, grün, zum Teil bewaldet. Hoch oben und fern ein paar Häuser. Alles schweigt. Ein paar Geschütze feuern zuweilen, sonst regt sich nichts. Unten, in Deckung, hantieren Leute, so groß wie Fliegen. Es sind Feldgraue. Einer sägt Holz. Straßen, staubige Landstraßen, die sich aus Soissons emporwinden, ohne Leben. Ich streiche mit dem Scherenfernrohr die Hügel ab, die Landstraße, Hänge und Wäldchen, vielleicht sehe ich einen Menschen von Baum zu Baum huschen, oder einige – eins, zwei, drei und hinüber. Nichts.

„Sehen Sie denn nichts?“ frage ich den Offizier.

„Nein, gar nichts. Vor einer Viertelstunde sah ich einen Mann im Feld. Heute morgen hoch oben ein Reiter.“