Sind die Grauen durch den Schlamm gewatet, so sind sie noch lange nicht da. Die Gräben liegen ein paar hundert Meter ab vom Dorf. Hier liegt ein Feuerriegel. Die Erde öffnet sich und speit haushoch Feuer und Qualm. Da müssen sie hindurch! Hier gibt es keine Annäherungsgräben, er da droben auf der Lorettohöhe läßt es nicht zu. Übers freie Feld heißt es hier und hinein in den Graben. Nun erst sind sie da!
Aber vorläufig haben sie noch ein paar Stunden Zeit und machen sich keine Gedanken. Sie sind alle sauber gewaschen und gebürstet, braun wie Nüsse, und die Hitze schält ihnen die Haut von Nase und Ohren. Ihre Uniformen sind eine Geschichte für sich. Sie waren alle einmal grau, nun aber sind sie verschossen, ausgewaschen und ausgeschwefelt. Bei Gott, man sieht es ihnen an, daß sie nicht in der Etappe saßen! Der rote Streifen der runden Mützen ist mit grauem Tuch vernäht, die Mützen sitzen alle tief in der Stirn, so gehört es sich. Es sind Grabenleute. Der Feldwebel aber sieht aus, als käme er gerade vom Schneider. Kein Flecken. Seine Hände sind gepflegt, und mit dem spitzen Nagel des kleinen Fingers zeigt er mir auf der Karte ihre Stellung. Vielleicht war er in seinem früheren Leben Lehrer oder Kaufmann, ich weiß es nicht. Er ist jetzt Soldat, und er ist so sehr Soldat, daß ich ihn zu fragen vergaß.
„Hier also ist unsere Stellung. Dieser Graben.“ Es ist ein rechter Winkel, und sein Fingernagel deutet auf den der Lorettohöhe zugewandten Schenkel. „Wir bekamen schweres Artilleriefeuer, Wirbelfeuer, den ganzen Tag über lag es auf dem Graben. Von sieben Uhr morgens bis neun Uhr abends. Achtundzwanziger! Der Graben sah aus, als wenn ein Dampfpflug ihn eingeebnet hätte. Wir sahen nichts mehr und wir hörten nichts mehr. Wir hatten natürlich Verluste. Anders geht es nicht. Zurück gibt es nicht! Eine 28er schlägt neben mir ein, jagt in die Höhe. Es ist nicht so schlimm. Der Graben ist zugeschüttet. Auch ich bin verschüttet. (Er war also verschüttet, aber keinem seiner Fingernägel hat es etwas getan!) Niemand glaubt, daß noch ein menschliches Wesen im Graben existieren kann. Um neun Uhr springt das Feuer zurück, hinter den Graben, damit keine Reserven herankommen können. Aha! Es geht los! Unser Leutnant, noch keine neunzehn Jahre alt, schreit. Es ist wie in einem Ameisenhaufen. Überall krabbelt es. Sie kommen alle heraus. Die meisten Gewehre sind unbrauchbar geworden. Also Handgranaten. Die Franzosen kommen heran. Es fällt hier ziemlich ab, und sie kommen rasch herunter. Die Handgranaten fliegen. Wir stehen hier, in den Granatlöchern, und der Rauch ist so dick, daß keiner den andern mehr sieht. Eine neue Kolonne stürmt. Sie denken, wir sind erledigt, aber wir, wir schreien Hurra! Wir brüllen und johlen, ja wir jodeln und lachen. Da stutzen sie doch. Nun aber sehe ich, daß sie von da her kommen, sehen Sie!“ Er deutet auf den Scheitelpunkt des Winkels. Hier stoßen die beiden deutschen Gräben zusammen, rechtwinklig, der Schenkel zur Lorettohöhe und der Schenkel gegen die Zuckerfabrik. Man darf aber nicht glauben, daß es mit dem Scheitelpunkt zu Ende ist! Dort ist eine Barriere, und dahinter setzt sich der Graben fort. Dieser Abschnitt gehört den Franzosen. So ist es hier! Aber, wie gesagt, aus diesem Abschnitt klettern die Franzosen heraus. Er sieht sie, im Rauch, wie sie herausquellen ...
‚Ein Mann vor mit Handgranaten!‘
Nun, ein Mann geht vor, zum Scheitelpunkt, und wirft Granate um Granate in die herausquellenden Franzosen.
„Wer war es doch gleich? Ist er nicht hier?“
„Ich war es.“
„Na, dann erzähle du!“
Es ist ein schlesischer Landwirt, ein Bauer, und seine Uniform ist olivengrün geworden da draußen.
„Ja, also, ich nehme den Arm voll Handgranaten und pfeffere hinein, wie es eben trifft. Sobald sie wiederkommen, schmeiße ich. Dann bin ich fertig mit den Handgranaten, und nun heißt es: fort! Ich laufe quer über das Feld, ohne jede Deckung. Sie schießen hinter mir her, sie treffen mich aber nicht. Ich springe hinten in den Graben.“