„Veröffentlicht Ihre Regierung noch immer keine Verlustlisten? Wie kommt es, daß Frankreich sich so etwas gefallen läßt?“
„Man klagt viel darüber. Aber man hat sich damit abgefunden. Es ist ein Opfer wie manches andere, aber das französische Volk ist bereit, dieses Opfer zu bringen.“
„Und wie ist die Stimmung im allgemeinen? In Paris? Im Volk?“
Er bleibt stehen. „Die Stimmung? Paris? Ich bin seit dem Januar nicht wieder nach Paris gekommen. Seit ich an der Front bin, seit vier Wochen habe ich überhaupt nichts mehr gehört. Wir werden hin und her geworfen und sind seit Wochen ohne jede Verbindung mit der Heimat. Ich weiß nicht, was in den letzten vier Wochen vor sich ging, von rein kriegerischen Ereignissen abgesehen. Ich weiß nur, daß unser Volk mutig ist und unerhörte Opfer bringt, weil es sein muß. Auch bei Ihnen zu Hause wird die Stimmung ja keineswegs rosig sein, wir haben den Feind im Lande, wir leiden mehr unter dem Krieg, das ist nur natürlich. Dieser Krieg hat Frankreich sehr unglücklich gemacht, ich brauche Ihnen das nicht erst zu sagen. Die Stimmung bei uns, mein Herr, soweit ich urteilen und beobachten kann, ist – nun, sie ist keineswegs glücklich.“
Eine Viertelstunde später stehe ich vor einem gefangenen französischen Offizier. Er ist rasiert, gewaschen und gebürstet, ein schöner junger Mann mit edel gezeichnetem Gesicht und klaren, klugen Augen. Man erzählte mir, daß er sich hervorragend geschlagen habe.
Klar, ohne Pose, ohne den leisesten Verdacht von Hochmut und Provokation, im schlichtesten und natürlichsten Ton der Welt versichert mir dieser Offizier: „Die Stimmung in Frankreich ist ausgezeichnet. Nie war sie besser. Wir werden uns bis zum letzten Mann schlagen. Vergessen Sie nicht, mein Herr, daß unser Heer nicht mehr jenes vom Anfang des Krieges ist. Es ist reformiert, es wird besser mit jedem Monat!“
Die Grabenkämpfe bei Souchez
Im Juni
Ich habe sie gesehen und gesprochen, sie, die sich da draußen schlagen, in den Gräben von Souchez. Sie sind in Ruhe. Heute nacht müssen sie wieder hin. Die Straßen und Wege liegen nachts unter Feuer. Die Granaten krachen und flammen wie Höllengeister. Da müssen sie hindurch. Dann sind sie in Souchez. Was ist Souchez? Es ist ein Nest, ein Dorf, das niemand kannte und das nun viele nie mehr vergessen können. Es ist gezeichnet für immer, wie Gravelotte und Wörth. Wenn die Hölle Buch führt, so wird sie auch den Namen Souchez eingetragen haben, denn er kann sich sehen lassen neben den andern.
Souchez ist heute zusammengeschossen. Die Häuser verließen ihren Platz und sprangen auf die Straße. Man räumt die Trümmer zur Seite, aber es sind immer wieder neue Trümmer da. Durch Souchez fließt ein Bach, der Carencybach. Die Granaten haben sein Bett zerwühlt, durch das er hundert Jahre lang und länger friedlich rieselte und gluckste, sie haben die Ufer zerstampft, so daß er verzweifelt sein Bett verließ und sich einen neuen Weg durch die Granattrichter suchte. Trüb und lehmig ist er geworden. Er verbirgt seine Geheimnisse.