„Das kann ich wohl, so in großen Umrissen natürlich nur. Es ist selbstverständlich, daß wir im Prinzip gegen jeden Krieg waren. Heute macht man uns Vorwürfe, ob mit Recht oder Unrecht, daß wir die Mittel zur nationalen Verteidigung beschnitten. Heute ist alles anders geworden, ohne Frage. Wer hielt diesen Krieg ernstlich für möglich? Niemand. Zwei Tage vorher lachte man noch darüber. Ich war im Süden, in Marseille, um die Sitten des Südens zu studieren. Nein, ich glaubte nicht daran. Wir kämpften gegen die Wiedereinführung der dreijährigen Dienstzeit. Wir taten alles, was in unserer Macht stand. Aber Sie, Sie rüsteten immer weiter.“

„Glauben Sie nicht, daß wir durch Ihr Bündnis mit Rußland und England dazu gezwungen wurden?“

„Unsere Bündnisse waren eine Folge – aber ich bin weit davon entfernt, Ihnen und nur Ihnen allein Schuld an dieser Katastrophe zuzuschreiben. Es wurden überall Fehler gemacht; bei allen beteiligten Völkern. Die Völker müssen noch viel lernen! Nachdem es zu spät war und die Katastrophe hereinbrach, waren wir natürlich verpflichtet, uns für unser Land zu schlagen, genau wie Sie es waren. Es war zu spät. Jaurès wurde ermordet. Aber auch er hätte das Unglück nicht mehr aufzuhalten vermocht. Ich wenigstens glaube es nicht. Nur ein Wunder, aber es gibt keine Wunder mehr in unserer Zeit! Alles ist fürchterlich.“

Er schweigt, und wir gehen stumm, jeder in sich versunken, über den heißen Hof. Müde und gebückt schlürft er neben mir einher, staubig und schmutzig, die zerknüllte Mütze unordentlich auf das schweißige Haar gedrückt. Seine Augen sind eingesunken und verquält. Plötzlich gähnt er. Lange und herzhaft. Und mit derselben erschöpften Miene und dem gleichen verquälten Ausdruck in den Augen sagt er: „Ich habe eine Frau und ein Kind. Ich werde sie wiedersehen.“ Nein, er atmet nicht auf bei diesem Gedanken, er, der die Hölle von Arras lebendig durchschritt, hat noch nicht die Kraft, sich zu freuen!

„Sie sind glücklicher als viele andere!“

„O ja, mein Herr, gewiß. Aber –“

Er findet, daß es zu wenig ist, was er aus diesem Leben gerettet hat, seine Frau, sein Kind – –

Ich beginne von gleichgültigen Dingen zu sprechen, um ihn abzulenken, von Marseille, von den südlichen Provinzen Frankreichs, aber in den nächsten Minuten sind wir von selbst wieder beim Krieg und der Politik angelangt. Es geht nicht anders. Unsere Debatte wird lebhafter. Langsam finde ich mich in seinen Zügen zurecht. Ich taste mich zu seinem früheren Gesicht durch, wie es aussah, bevor er mit Gewehr und Spaten arbeiten lernte. Es ist weniger das Gesicht eines außergewöhnlich klugen, als vielmehr eines aufrichtigen Menschen.

„Glauben Sie,“ frage ich ihn, „daß das Verhältnis zwischen dem deutschen und dem französischen Volk in absehbarer Zeit wieder freundschaftliche Formen wird annehmen können?“

Er schüttelt den Kopf und verzerrt die Lippen. „Nein,“ sagt er, „ich glaube es nicht, leider. Ich kenne Deutschland, ich war in Stuttgart, München, Dresden. Aber nein. Jahre, Jahre wird es dauern.“