In den letzten Tagen hat die Festung ein neues Fort dazubekommen. Der Feind hat einen Minengang vorgetrieben und gesprengt. Es ist ein Krater, rund und groß wie ein Karussell, und der Rand des Kraters ist schon wieder ausgebaut und befestigt. Ideal ist das Fort, es flankiert unsere Gräben. Leider hat es drei von unsern tapfern Leuten gekostet. Sie liegen tief unten in der Erde, so tief, daß man sie nicht holen kann. So hat hier jeder Tag seine Ereignisse, und die nächste Minute kann sie bringen. Er kann ja eine neue Mine hochfliegen lassen, Gott weiß, worüber er jetzt, in dieser Sekunde, brütet?
Ein Laufgang führt mitten durch das zerschossene Dorf zum Unterstand des Kommandeurs. Hübsch und freundlich ist es hier unten, eine Schiffskabine erster Klasse unter der Erde. Hierher kommen die Offiziere zuweilen des Abends, sozusagen, wenn sie ausgehen wollen. Es sind nur hundert Schritte, aber es ist immerhin eine Abwechslung. Nur eine Schattenseite hat dieser Salon unter der Erde. Er stößt direkt an den Friedhof. Die Granate ist ein böses Tier ohne Vernunft. So ist sie wiederholt in den Friedhof gefahren, wo sie nichts zu suchen hatte, und hat die Gräber der französischen Bürger aufgerissen. Sie warf die Grabsteine durcheinander, hat die Gebeine mit in die Tiefe gerissen, und in einer Familiengruft schwimmt ein Kindersarg. Von der Treppe des unterirdischen Salons aus sieht man über eine Reihe frischer Gräber. Das sind die Toten der Schanze. Der frühere Kommandeur, Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften. Nebeneinander liegen sie, so wie sie auf der Schanze nebeneinander kämpften.
Ja, hier liegen sie, aber in Wahrheit sind sie nicht tot. In Wahrheit leben sie, denn sie sind unvergessen. Sie leben mit den Kameraden auf der Feldschanze, ganz wie früher. Sie wandern durch die Schlafgewölbe und sehen nach, ob sie noch nicht aufstehen, sie sitzen auf den Gräbern und lauschen auf die Gespräche der Kameraden. Bei den Maschinengewehren stehen sie und lugen aus. In der Nacht wandern sie in den Gräben. Sie warnen die Kameraden, sie richten ihnen die Gewehre, sie zeigen ihnen den Feind: dort, dort ...
Die Schlachtfelder in Flandern
Mai 1915
Durch die Luke in der Kirchturmspitze hat man einen weiten Blick über das Land: unten liegt winzig und verwinkelt das Dorf. Ein paar Häuser sind zerschossen. Soldaten hantieren vor den Häusern. Eine Radfahrerabteilung – braune Marinesoldaten, das Gewehr auf dem Rücken – schlängelt sich über den kleinen Marktplatz. Ein großes Postauto tutet und überholt sie. Karren, trottende Pferde, die roten Gesichter der Fuhrleute sind alle nach oben gerichtet. Zwei Flugzeuge kreuzen unter den grauen Wolken. Rasch und klein wie eine Maus läuft das entferntere am Himmel entlang. Hinter dem kleinen Dorf aber breitet sich das Land. Flandern. Es ist grün von den Wiesen und gelb von den blühenden Rüben, ganz flach; trübe und resigniert duckt es sich unter dem hängenden Gewölk. Silhouetten von Alleen, die die Landstraßen begleiten, stehen geisterhaft auf dem Lande, eine hinter der andern, wie Schleier, die herabhängen, und alle scheinen sie parallel, quer durch das Land zu laufen, bis zum Horizont, wo eine graue Regenwolke Ypern verbirgt. Dazwischen flache graue Wolken, die auf der Erde liegen, Wälder und Wäldchen, die niemand kannte, und die plötzlich einen Namen bekamen: Polygonenwald, das Wäldchen von St. Julien. Hier standen die vier großen englischen Geschütze. Hinter den geisterhaften Silhouetten der Alleen Dörfer, Reste von Dörfern, dem Auge kaum erkennbar. Zonnebeke, St. Julien, Langemark. Im Frieden werden Orte berühmt durch ihre Kultur und ihren Geist, im Krieg durch ihr Unglück. Da liegen sie und verstecken sich in der Erde. Still und verzweifelt liegt das Land, und der Donner der Geschütze rollt darüber weg.
Heute, Flandern, mit deinen geisterhaften Alleen, die stillstehen und sich nicht bewegen, erscheinst du mir wie ein großer Friedhof.
Eine knappe Viertelstunde von dem Kirchturm entfernt zieht sich ein lehmiges ausgetrocknetes Flußbett in weitem Bogen durch die Landschaft. Oft nähern sich die Ränder bis auf dreißig Meter, oft entfernen sie sich bis auf ein paar hundert. Die Ränder sind tief ausgegraben, unterhöhlt, gewunden und verzweigt, wie Bauten von Bibern. Das sind die verlassenen Stellungen.
Hier auf diesem Gürtel Landes lagen sie einander sechs lange Monate gegenüber, Tag und Nacht, und Tag und Nacht saß der Tod dicht angelehnt neben jedem einzelnen Mann. Hier lagen die Gewehre und hier, man sieht es noch deutlich, standen die Maschinengewehre. Zwischen den Gräben lagen die Leichen, wo sie gerade hinfielen, und da lagen sie und blieben liegen, und die Kugeln durchlöcherten sie noch hundertfach, obschon sie schon zehnfach gestorben waren. Tausendfach starb hier jeder einzelne Mann, auch der, den der Zufall verschonte. Oft raste der Tod hier wie ein Orkan, mit Finsternis, Feuer, Eisen und erstickenden Gasen. Die Gräben wurden eingetrommelt, Meter für Meter. Einmal hatten sie drüben Besuch (nicht in den Gräben, sondern weit dahinten!), zwei Könige und einen Präsidenten. An diesem einzigen Tage warfen sie siebzigtausend Granaten herüber – und wir hatten keine dreißig Mann Verluste. Sie gaben den hohen Herrschaften eine Vorstellung und schossen ein Vermögen in die Luft hinein. Die Komödie auf dem Schlachtfelde! So und nicht anders ging es hier zu. Der Soldat kroch in die Erde. Aber da kam ihm das Wasser entgegen. Bis an die Knie wateten die Tapfern im Wasser. Jedes Haus hinten war zerschossen und die Trümmer unausgesetzt unter Feuer. Es entstanden ganze Städte unter der Erde, Städte in Wäldern, die Mannschaften ruhten aus in Eisenbahnzügen, die zurück mußten, sobald das Feuer zu stark wurde.
Die Erde bei den Gräben ist zerrissen. Trichter an Trichter. Der Regen spritzt heute in den kreisrunden Lehmtümpeln. Auch die Allee hat mitgekämpft. Die hohen Bäume schlugen der Länge nach hin, wie Riesen, von der Granate in den Wurzelbau getroffen und hochgeschleudert. Sie wurden in der Mitte abgerissen. Ihre Kronen stürzten zersplittert in das Feld, und so stehen sie noch. Kein Baum, der nicht seine Wunde hätte, manche sind von oben bis unten zerfetzt. Die Allee hat sich tapfer geschlagen, die Allee von Poel-Capelle nach St. Julien. Eine Armee von Krüppeln steht an der Straße.