Die verlassenen Gräben sind mit allerlei Schutt angefüllt. Konservenbüchsen, Waffenteile, zerweichte und unleserlich gewordene Briefe. Ein blutiger Tuchfetzen, den einer an die Wunde preßte, erblassend und zu Tode erschrocken. Sie sprechen eine grauenhafte Sprache und ihr Flüstern verfolgt mich. Es ist sehr still hier und es hat den Anschein, als ob die Stille sich über den Gräben verdichtete und über all den Dingen, die einst Menschen gehörten. Ich wünschte wohl, sie kämen hierher, die drei hohen Herrschaften, zu deren Ehre einmal so furchtbar laut geschossen wurde, sie kämen hierher und hörten sich die Stille an. Vielleicht würden sie den süßlichen Geruch spüren, der aus den Gräben steigt, vielleicht würde sich ihr Auge schließen vor all dem Grauenhaften, das der Schutt in den Gräben deckt. Sie würden gehen und nun würden sie stolpern! Bei jedem Schritt würden sie über Gräber stolpern. Gräber hier, Gräber dort. Franzosen, Schottländer, Kanadier, Kolumbier, Farbige und Schwarze. Sie würden die Namen auf den Kreuzen lesen. Sie würden die verstümmelte Allee hinabgehen, und links und rechts würden die Kreuze ihnen folgen. Sie würden bei St. Julien die Massengräber sehen. Hier lagen die Kanadier so dicht, daß die Fliegerphotographien aus 2000 Meter Höhe die Leichenhaufen zeigten. Nun würden sie begreifen, daß sie in einen Friedhof geraten sind, der naß ist von Blut und Tränen.
Aber weiter. Die Kanonen krachen. In Erdhöhlen hocken Soldaten um die dampfenden Kochtöpfe und sind guter Dinge, denn sie leben.
Langemark, berühmt geworden durch sein Unglück, wie viele andre Orte, ist das grinsende Skelett einer kleinen Stadt. Die wenigen Häuser, die noch stehen, zeigen fröstelnd das nackte Gebälk. Die Ziegel sind ohne Ausnahme herabgerasselt, als die schweren Geschosse einschlugen. Wie Gespenster von Häusern stehen sie inmitten der Trümmerhaufen. Der Kirchturm sieht aus wie ein verwitterter Sandsteinfelsen, rostrot und brüchig steht er am Rande eines niedergemähten Parkes. Ein Haus ist mit dem Schieferdach niedergebrochen, wie ein gefallener Elefant, der sich auf die Stoßzähne stützt. Es ist deutsche Arbeit, sie ist gründlich, das muß man sagen. Hut ab vor unsern Kanonieren!
Aus dem Keller irgendeines zerschossenen Hauses steigt langsam und still ein General, in den weiten Mantel gehüllt. Er scheint das einzige lebende Wesen weit und breit zu sein. Gelassen und würdevoll, ein wenig gelangweilt, zeigt er uns sein Heim. Das Haus ist verschüttet, es liegen noch Leichen unter dem Schutt. „Hier lebe ich nun, im Keller,“ sagt er mit leiser, gelangweilter Stimme. „Sie schießen oft wütend herein. Sehen Sie die Trichter? Es sind ganz große Dinger. Na, man gewöhnt sich an alles.“ Wir gehen und der General promeniert ruhig, in seinen Mantel gewickelt, im Regen auf und ab.
In dieser Gegend sieht man kein Tier und kein lebendes Wesen. Zuweilen ein paar Soldaten, die laut und fröhlich antworten, wenn man sie anruft. Aber die Geschütze krachen ringsum, obschon man sie nicht sieht.
Sie sind trotz des schlechten Wetters fleißig bei der Arbeit und die Luft dröhnt wie von Explosionen, hart und metallen. Die Geschosse toben in die Höhe, es röhrt und wühlt in der Luft, sie pflügen sich hinauf. Die Luft zischt, genau wie das Wasser unter dem Kiel eines Rennbootes. Es gurgelt gierig da oben, wie Gurgeln voller Blut. Unwillkürlich sucht der Blick das Geschoß, obwohl es natürlich zu rasch ist, als daß man es sehen könnte. Aber es scheint greifbar nahe zu sein. Ja, ich sehe es auch, wie es in seiner Kurve dahinjagt. Es ist gelb und dreht sich rasend um die Längsachse, eine donnernde, dröhnende Röhre von Luftwirbeln als Schleppe, den blanken Zünder zischend in die dicke, graue Regenluft bohrend. Die gelbe Farbe verbrennt rauchend auf seiner Hülle. Nun ist nur noch das schleifende Zischen der Luft zu hören. Es ist hinüber! Links und rechts schlagen die Geschütze, es kracht wie von einschlagenden Blitzen. Alle paar Minuten dröhnt hinter mir ein hellerer Schlag und eine Granate jagt gurgelnd und zischend über mich hinweg. Die Luft ist voller Eisen. In den Pausen der Geschütze hört man das hastige, heisere Kläffen der Maschinengewehre und das Knattern der Gewehre.
So ist es hier. Es ist das Morgenkonzert, das gewöhnliche. Und so ist das Abend- und Nachtkonzert. Man gewöhnt sich daran, und das flandrische Land hat seit vielen Monaten nichts andres gehört. Die Front ist um einige Kilometer vorgerückt, sonst hat sich nichts geändert.
Nach den Schlachten
Mai 1915
Die Welt des Feldsoldaten ist groß und erhaben. Der sausende Himmel, die Sterne, die Wolken und das freie Feld: das ist seine Wohnung. Vertraute Wege und bekannte Dörfer, die Heimat in der Ferne, Briefe, Zeitungen, alles gehört ihm. Kameraden, bekannte Gesichter, neue, immer neue Gesichter, neues Gelächter und neue Stimmen. Ein spukhaftes Dasein, voll des Unbekannten, stetig Wechselnden. Die alltäglichsten Dinge, Essen, Schlafen, abenteuerlich und absonderlich. Außergewöhnlich, groß und unerhört, voll nie gekannten Grauens und nie gekannter Wonnen sind seine Empfindungen. Der Feldsoldat ist kein gewöhnlicher Mensch mehr, er ist der Erkorene, er ist das Volk selbst, für das er kämpft. Wäre es anders, nicht den zehnten Teil der Anstrengungen, die das Feld fordert, könnte er ertragen. Wenn er sein Geschütz abreißt, so ist es nicht seine Faust, die Millionen Fäuste seines Volkes reißen das Geschütz ab, und sein Volk sendet den großen Fluch hinüber zum Feinde.