Der Boden wankt, die Mine fliegt hoch! Sie zerreißt die Erde, der Boden öffnet sich und Steine und Erde jagen Hunderte von Metern hoch. Ein Vulkan speit. Schwarz und grau steht turmhoch die Rauch- und Staubsäule. In dem Rauch jagen Sandsäcke und Menschenleiber in die Höhe und flattern Kleidungsstücke, die der Luftdruck von den Körpern riß. Achtung! Nun kommen sie herunter. Die Steine prasseln auf die Gräben herab.
Aber noch regnet es Steine und Trümmer und der Rauch steht noch undurchdringlich: da sind die Grauen schon aus den Gräben, schon vorn! Und ehe der Rauch sich verzogen hat, sitzen sie schon in dem Sprengtrichter, der groß ist wie eine Zirkusmanege. Alles war vorbereitet, sie hatten nur gelauert. Alles war bereit, Gewehre, Munition, Handgranaten, Maschinengewehre. Und mit den Grauen sind auch schon die Pioniere da, mit Sandsäcken, und beginnen wie die Ameisen zu bauen. Wälle, Schutzschilde, provisorische Unterstände: Nun mag er kommen! Und schon sind die Pioniere hinten an der Arbeit, um eine Sappe zu der neuen Festung vorzutreiben. Wir haben zwanzig Meter, dreißig Meter gewonnen, wir haben unsere Stellung verbessert, wir haben seine unterirdischen Stollen zerstört.
In den Zeitungen steht die Notiz: Da und dort haben wir eine Mine gesprengt. Aber niemand weiß, welche Arbeit, wieviel List und Kühnheit dazu gehört. Die Pioniere sind Leute, die nicht viel reden.
Das ist der Krieg unter der Erde, der neueste, der furchtbarste. Tag und Nacht wird gegraben und gewühlt. Eine Mine fliegt hoch, an dieser und jener Stelle der Front. Man treibt die Stollen bis unter die Gräben der Feinde, und ein Grabenstück mit allem, was da drinnen ist, geht in die Luft, Menschen, Munition, Kochgeschirre und Waffen.
Für den Sturm werden Stollen vorbereitet und fliegen auf in der Sekunde, in der es sein muß.
Wehe aber, wenn er zuerst sprengt, eine Minute früher: Offizier und Pionier, sie gruben ihr eigenes Grab. Aber sie wissen, was sie tun, sie wissen, wofür sie es tun.
La Bassée
Im August
Um sechs Uhr nachmittags verschwinden die Leute von Lille von der Straße. Um neun Uhr wird es Nacht und Lille ist tot. Nur vereinzelt ein erleuchtetes Fenster und Stimmen dahinter. Die Schritte hallen. Ein Polizeisoldat, ein Feldgrauer mit der schwarzweißroten Binde am Arm, schlürft an den verschlossenen, finsteren Häusern entlang. Eine Radfahrerpatrouille gleitet schweigend durch die nächtige Straße. Ein paar verspätete Offiziere. Man kann stundenlang durch Straßen und Boulevards wandern, keine Katze regt sich. Lille schläft.
Von draußen, aus der Nacht, dringt der Lärm des Gewehrfeuers. Man hört es ganz deutlich, jeden einzelnen Schuß. So nahe sind die Gräben! Es pocht, dumpf und hart, wie eine Negertrommel. Eine Reihe von Schlägen, dazwischen ein rollender Wirbel. Dann beginnt es zu prasseln und zu knattern, metallen. Die Maschinengewehre hämmern. Ein Nachtgefecht, ein paar Gräben sind lebendig geworden. Das Feuer wird lebhafter, es prasselt minutenlang ohne jede Pause. Aber Lille schläft. Es öffnet sich kein Fenster, kein Kopf lauscht hinaus in die Nacht. Kein Herz schlägt rascher, erregt von einer leisen Hoffnung. Nein! Sie wissen es jetzt. Seit Monaten, seit dem Herbst hören sie das Rollen des Gewehrfeuers in der Nacht, sie wissen, es bedeutet – nichts. Sie schlafen, sie halten sich die Ohren zu, um es nicht zu hören, lange genug haben sie sich betrogen mit Hoffnungen, Ahnungen, Gerüchten, sie glauben es nicht mehr. Morgen um fünf Uhr wird der Flieger, klein wie ein Punkt, über der Stadt erscheinen, und die Abwehrgeschütze werden krachen, aber sie wissen, auch das bedeutet – nichts. Das Quälendste für den Menschen ist das Warten, es tötet alle Kraft zu hoffen.