Nein, Lille schläft, es will nicht aufwachen!

Niemals war eine Stadt so still und so dunkel. Punkt drei Uhr kommt das Auto, das mich hinausbringen soll zu den Gräben, und wir machen uns auf die Reise.

Das Feuer hat aufgehört, die Stadt ist noch stiller geworden. Sie schläft nicht, sie liegt in einer Art von Totenstarre. Das Auto gleitet zwischen schwarzen Häusern dahin. Kein Schnarchen hinter den dunkeln Fenstern, kein Kinderweinen, stumm, alles stumm. Die große Stadt ist tot. Wir rollen durch finstere Straßen, über öde Plätze und leere Boulevards. Eine rote Lampe schwingt am Ende der Straße hin und her. Aus der Finsternis taucht ein massiges schwarzes Festungstor. Die Wache tritt vor und blendet mit der Lampe über Wagen und Insassen. Weiter!

Nun ist es plötzlich noch finsterer geworden. Die Lampe des Autos leuchtet wie ein Scheinwerfer in die Nacht hinein. Wir jagen an fahlen Baumstämmen vorüber, durch Grotten von bleichgrünem Laub. Alleen, Straßen. Der Wagen nimmt Erhöhungen der Straße wie ein Segelboot die Woge, er tanzt, in den Kurven fegt er haarscharf an den Bäumen entlang und die Zweige peitschen unsere Gesichter. Es ist kalt und die satte Luft der Nacht stürzt uns entgegen. Die Bäume rauschen und brausen im Wind. Aufgescheuchte Tiere, kalkbleich, huschen über den Weg und Funken stieben blitzschnell vorüber. Das sind Motten, vom Lichtkegel getroffen und vom Luftdruck zur Seite geschleudert. Tote, schlafende Dörfer. Kein Laut, kein Mensch. Der Motor donnert. Rote Backsteinhäuser flammen im Lichtschein auf und sinken augenblicklich wieder in die Finsternis zurück. Die erschrockenen Augen einer schneeweißen Katze. Ein Posten. Ein paar laute Rufe wehen vorbei. Weiter! Der Wagen fliegt. Herrlich ist die Fahrt. Über uns stehen glitzernd und klar die Sterne des Sommerhimmels. Wir schweigen. Jeder ist in seine Gedanken versunken.

Hier auf dieser Straße marschierten sie, die Kolonnen, Kompanien, Regimenter, im Herbst. In die Schlacht von La Bassée. Freiwillige, Studenten. Sie stürmten dahin, sie sangen, ihre Augen sprühten. Vorwärts! Viele kehrten diese Straße nicht zurück! An der Straße stehen seltsam geformte Büsche; wie Frauengestalten, die die Hände vor das Gesicht breiten, erscheinen sie in der Nacht. Hier, dort, überall. An der Straße stehen Steine, die aufleuchten, sich gespensterhaft neben der Straße emporrichten, wie Geister, die uns betrachten wollen, die alles sehen wollen, was diese Straße kommt. Kleine weiße Kreuze stehen an der Straße, man sieht sie weithin leuchten, wenn der Lichtkegel sie trifft. Und fliegen wir vorüber, so drehen sie sich mit einem Ruck uns zu. Der Herbst ist nahe und immer noch marschieren hier die Kolonnen, die Kompanien und Regimenter. In der Nacht wandern sie dahin. Sie singen nicht mehr. Wenn sie sängen, so kämen die Granaten. Dies ist der Grund, weshalb sie nicht mehr singen.

Von den Gräben her hallen Schüsse. Sie klingen näher und näher, denn wir sind rasch. Dann und wann schlägt dumpf ein Geschütz, irgendwo. Auch nachts kann es hier außen keine Ruhe geben. Seit Monaten lärmt hier der Mensch. Ein paar Furagewagen knarren die Straße entlang. Die Pferde schlafen im Gehen und fahren unruhig auf, sobald der Lichtkegel sie faßt. Die Kutscher reißen sich zusammen. Neben der Straße werden die Granattrichter häufiger. Viele sind ganz frisch. Der Wagen humpelt über Erde und Steine. Die Granate schlug mitten in den Weg. Vor ein paar Stunden war es hier keineswegs gemütlich. Zweige und Äste, das Laub noch grün und saftig, liegen auf der Chaussee. Baumkronen sind zerfetzt, Splitter hängen von den Stämmen. Plötzlich zieht der Fahrer mit einem Ruck die Handbremse an und hält. Ein Baum ist quer über die Straße gestürzt. Er ist gefallen wie ein Soldat und hingeschlagen. Die Granate schnitt ihn über der Wurzel glatt durch und warf ihn aufs Gesicht. Seine Zweige sind noch grün und rauschen im Wind, wälzen sich hin und her und wissen noch nichts. Der Motor brummt, die Räder springen in die Höhe, hinüber.

Ein Dorf. Der Posten winkt. Wir müssen die Lampe löschen. Durch die Dunkelheit tasten wir uns weiter. Die Gewehre knallen. Ein schweres Geschütz in der Nähe reißt laut krachend ab und die Granate rauscht in das Dunkel hinein. Kein Zweifel, die Nacht geht zu Ende. Draußen bei den Gräben steigt zuweilen eine Leuchtkugel empor. Bleich und sprühend, wie ein gleißender Mond steht sie über der nächtigen Erde. Die Gewehre lärmen aufgescheucht, dann wird es wieder still. Die Leuchtkugel sinkt erblassend, ganz langsam, zur dunklen Erde herab. Nun aber steht rechts, zwischen den Pappeln, ein funkelndes Leuchtfeuer, grellweiß und drohend. Wiederum kracht das schwere Geschütz, und die Granate nimmt fauchend und gurgelnd ihre Bahn über unsere Köpfe hinweg.

Die Sterne erblassen, die Landschaft wird fahl. Nebel steigt aus den Feldern. Das Auto fliegt. Wir haben Eile, denn die Straße liegt in Sicht des Feindes. Bevor es tagt, müssen wir an Ort und Stelle sein.

Aus dem grauenden Morgen heben sich die fahlen, verschwimmenden Umrisse einer Stadt: La Bassée. Ein paar Soldaten in Hemdsärmeln, fröstelnd in der Morgenkühle, stehen an der Straße. Leichenhaft erscheint La Bassée im frühen Licht. Kein Mensch, kein Tier ist hier zurückgeblieben. Von ein paar Wachen abgesehen, haust hier kein Soldat. Die letzten Einwohner mußten schon vor Wochen den Ort verlassen, denn La Bassée liegt ständig unter schwerem Feuer. Die Kirche ist ein Trümmerhaufen, ganze Häuser sind in die Luft geflogen. Granateinschläge überall. Die Stadt sieht aus wie von einem Erdbeben zerrissen. Erst schossen wir hinein, dann übernahm es der Engländer. Hunderte, Tausende von Granaten fielen auf La Bassée. Es gibt nur wenig Häuser, die unversehrt sind.

Der Musikpavillon aber steht noch auf dem Marktplatz wie im Frieden.