Nun sehe ich, daß sie geschient und verbunden sind. Trotzdem sehen sie gesund und kräftig aus. Es sind Leute, die einen Stoß vertragen können, ausgezeichnetes Material. Sie antworten höflich, aber sie sagen nicht mehr als gerade nötig ist. Allmählich erst werden sie etwas gesprächiger. Sie sind zufrieden, sie beklagen sich über nichts. Jeder deutsche Soldat, mit dem sie es zu tun hatten, war „gut“ zu ihnen. „Nach dem Kriege werden wir uns die Hände drücken.“ – „Aber die englischen Zeitungen? Sie sind die gemeinsten Lügner der Welt!“ – Ihre Augen stehen auf Abwehr. – „Wann seid ihr herübergekommen?“ – „Ich im September, die andern später.“ – „Wieviel wart ihr? Seid ihr in England gelandet oder in Frankreich?“ – Die schönen Augen des Clerks von Toronto sehen mich offen an und schweigen. Er will nicht sprechen. Aber später, als wir mehr Vertrauen zueinander gefaßt hatten, kam er ganz von selbst auf den Transport zurück und sagte mir, daß sie 30000 waren, 21 Dampfer, drei Wochen auf See, in Plymouth gelandet, in England noch ein paar Monate gedrillt. Es war sehr schlechtes Wetter, immerzu Regen, einer ist am Regen gestorben.
„Am Regen gestorben?“ – „Ja!“
Der Seemann im Nachbarbett, dessen Fuß zerschossen ist, lacht. „Es war verdammt schlechtes Wetter, Sir!“
Sie erzählen mir alles mögliche, und ich bemühe mich, sie gesprächig zu halten. Die Deutschen schießen gut, sie würden es niemand raten, den Kopf auch nur eine Sekunde aus dem Graben zu strecken. Weshalb sie aus Kanada herüberkamen, um gegen uns zu kämpfen, das wollen sie mir auf der Stelle sagen. „Die Neutralität Belgiens, Sir! Wir sind gekommen, um euch aus Belgien zu vertreiben.“ – „Weshalb überlaßt ihr das nicht den Engländern, haben sie nicht genug junge Leute? Weshalb sollt ihr Kanadier die Arbeit der jungen Engländer tun?“ – Das Gespräch wird lebhafter und die Franzosen auf der andern Seite recken die Hälse.
„Und St. Julien? Wie war es da?“
Der hübsche Clerk mit dem geschienten Arm, drei Kugeln, richtet sich im Bett auf, so gut es geht: Sie kamen also da in Gräben, in denen vorher Engländer lagen. Aus welchem Grunde gewechselt wurde, wußten sie vorläufig noch nicht. Später erst begriffen sie es. Zwei Tage lagen sie da. Sie wußten gar nichts, weshalb, warum, nichts. Essen gab es nicht regelmäßig. Die Straßen um Ypern herum lagen unausgesetzt unter Feuer. Plötzlich aber hieß es vorgehen! Weshalb, warum, wohin, kein Mensch wußte es. Nun aber bekamen sie furchtbares Feuer, schwere Granaten, auf offenem Felde, ohne jede Deckung. „Ich lag hinter einem Haufen von gefallenen Kameraden, den rechten Arm zerschossen. Die Kameraden stürmten weiter, plötzlich Maschinengewehrfeuer, Flankenfeuer, Gewehrfeuer. Die Kameraden fielen wie hingemäht. Es war zu Ende.“
Er sieht mich an. „Wie groß sind die Verluste, Sir?“ Seine Augen fragen, er denkt, ich könnte mich jetzt recht wohl revanchieren für die Angaben, die er mir über die Transporte machte. Aber ich weiß es wirklich nicht. Sehr große Verluste!
Der Clerk nickt und wendet den Blick ab. „Ich glaube nicht, daß viele davongekommen sind!“ sagt er ruhig und schlicht.
„Sie haben wohl genug vom Krieg?“ frage ich ihn, indem ich mich verabschiede. „Werden Sie wieder gegen uns kämpfen?“
Er lächelt. „Nein!“ Und leiser, so daß es die Kameraden nicht hören, fügt er hinzu: „Es war die Hölle, Sir!“