„Sie warteten und wußten es lange nicht, worauf sie warteten. Vielleicht zwei Jahre lang wußten Sie es nicht.“

Susanna lächelte fein. „Wie gut Sie aufmerken!“ wiederholte sie. „Jedes Wort wissen Sie. Ja, damit fing ich an und dann vergaß ich es ganz und verlor mich in Träumen. Es passiert mir jetzt häufig, daß ich den Faden der Erzählung verliere, mein Gedächtnis wird sehr schlecht, auch ist es mir oft so schwer mich zu sammeln. Lassen Sie mich nachdenken. Ich wartete, sagte ich, ja, ich wartete und die Tage gingen, Frühling ging, Sommer ging, Herbst ging, Winter ging — die Jahre gingen und ich wartete. Jeden Abend saß ich da oben auf der Bank und wartete ohne zu wissen, worauf. Ich spann Träume, ich träumte all diese Dinge, von denen ich Ihnen erzählte, immer neues, immer mehr. Aber die Traume füllten mich nicht aus. Es blieb eine große Leere und diese große Leere habe ich fast wie eine Höhlung in mir, in der Brust, gefühlt, wie ein Loch, wo gar nichts war: Das war das Warten. Ich wartete immer sehnsüchtiger, aber nie war ich ungeduldig. Es gab manches in unserer Familie, nicht besonders viel, aber doch einiges. Wie Vater seine Stellung aufgab — da litt ich, für Vater, für Mütterchen, wir standen so allein, wir zwei, und mußten uns verkriechen und allein sein. Wir wollten es auch so. Es ging uns auch zeitweise etwas knapp. Aber ich sage Ihnen, ich habe nie Hunger gelitten, denn Mütterchen, hören Sie, sie kann ja auch aus nichts etwas machen und immer fand sie etwas. Ich war nie ungeduldig. Ich wartete und dachte, man müsse etwas Geduld haben. Es konnte nicht so bald kommen, wiederum aber konnte es doch schon morgen oder übermorgen da sein. Und ich sehnte mich und wartete. Und endlich, endlich, da wußte ich, worauf ich wartete. Ich wartete auf etwas Seltenes!“

Susanna hielt inne und sah Grau an. Ihre Augen waren groß und glühend. „Seltenes!“ wiederholte sie und sie sprach das Wort aus wie ein unheimliches fremdes tiefes Wort. Dann lächelte sie schmerzlich und indem sie ins Feuer starrte fuhr sie fort: „Auf etwas Seltenes und Großes! Nicht auf etwas Alltägliches, nein, auf etwas, das nicht jeden Tag zu den Menschen kommt, auf etwas Seltenes und Großes. Vielleicht so groß und selten, daß mein Herz es nicht ertrüge. Aber was würde wohl größer, süßer und seltener sein, als eben etwas, das unser Herz nicht ertrüge? Oh, so unfaßbar sollte es sein. Ich stellte mir das Unfaßbare, dieses Seltene vor. Es erfüllte mich, es blendete mich und oft schlug ich die Hände vors Gesicht und lachte und weinte: Weil es so groß, so herrlich, so blendend und so selten war. Aber ich wußte ja nichts davon?“

Susannas Stimme sank zu einem Flüstern herab, das Lächeln irrte hin und her auf ihren Lippen, sie senkte den Kopf. Sie fügte leise und singend hinzu: „Und ich träumte davon — wie es wohl sein würde — wenn das Seltene mich verklärte — wenn es mich niederbeugen würde mit seiner süßen Schwere — niederbeugen — wie der Tau — der Tau die kleine Glockenblume niederbeugt — wenn der große Tag erschien, da es kann —“

Susannas Stimme erstarb. Sie lächelte und blickte in das Feuer. Lange. Aber dann, mit einer plötzlichen, unerwarteten Bewegung schlug sie die Hände heftig vors Gesicht und krümmte sich zusammen. Sie krümmte sich wie unter einer Last, sie bog den Kopf und die Brust vor und ihre Stirne drückte sich auf die Knie. Ihre schmalen Schultern zuckten. Das geschah so schnell und mit solch schmerzlicher Leidenschaft, daß Grau erschrak und vom Stuhle auffuhr. Susanna krümmte sich tiefer und preßte die Stirn zwischen die Knie, ihre Schultern zuckten und sie begann am ganzen Körper zu beben. Plötzlich fing sie an zu husten. Sie hustete pfeifend und schrecklich, sie nahm eine Hand vom Gesicht und winkte Grau, hinauszugehen.

Grau verließ das Zimmer. Ihm schwindelte und sein Herz pochte laut in der Brust. Es war kalt hier außen, die Dämmerung war grau und des Winters trübes, vergrämtes Gesicht stand riesengroß über die Erde gebeugt.

Er ging wieder hinein. Susanna lächelte heiter. Sie war sehr bleich. Sie reichte ihm die Hand hin und sagte: „Vergessen Sie es. So töricht war es von mir. Wie konnte es doch so heftig über mich kommen! Es ist ja nicht so, schon lange ist es ja nicht mehr so.“

„Erzählen Sie weiter!“ sagte Grau leise und blickte Susanna an.

Und Susanna fuhr fort: „Es verging ein Jahr und wieder ein Jahr, Jahr um Jahr verging. Nein, es kam nicht! Und so ist es: Zuerst, da hat die Frage gesungen in mir. Es klang: Wann kommt es? Und ich bebte vor Sehnsucht und Freude der Erwartung. Ich stand auf dabei und mußte einige Schritte gehen. Die Zeit verstrich und nie kam es. Nun sang die Frage nicht mehr in mir. Nun war es ganz leise und ohne Musik: Wann kommt es? Und ich bebte wohl noch ein bißchen, aber es war nicht das alte Beben, ich stand auch nicht mehr auf, nein, ich fühlte wie die Füße mir etwas schwer wurden. Und jetzt? Jetzt weiß ich, daß es ein Traum war, der Traum eines jungen Mädchens, wie jede ihn träumt. Ja, aber doch denke ich zuweilen noch — zuweilen klingt es noch in mir: Es kommt doch, es kommt doch!“

Sie lächelte und blickte Grau an.