Eine Lachsalve raste durch den Saal.

„Wie schön!“ Er möge doch fortfahren.

„Ja. Ich denke daran, wie schön es war, nie mehr habe ich soviel Frieden gesehen und auch nie mehr diesen Frieden gefühlt. Aber wie rasch es doch dahinging, mit welch rätselhafter Leichtigkeit ich an diesen Fenstern vorbeischwebte! Nun kamen immer neue Städte, plötzlich tauchten sie stets unter mir auf, riesenhaft und alle schrecklich stumm und tot. Als ich nun in eines der schwarzen Fenster blickte, sah ich zu meiner Überraschung ein kleines Licht im Zimmer brennen und einen Mann, der am Tische saß; er hatte reiches, aber ergrautes Haar.“

„Was tat er?“

„Er tat nichts. Er saß an dem Tische und starrte in das kleine Licht und lächelte seltsam. Ich zog an tausenden von Fenstern vorüber und überall sah ich den Mann mit den grauen Haaren und dem seltsamen Lächeln vor der kleinen Kerze sitzen. Ich sah nicht nur ihn. Ich sah auch andre und alle tausendfach. Ich sah eine Frau, die ein Licht in der Hand hatte und auf einem Stuhle saß. Aber sie las nicht, sie blickte über das Buch weg und lächelte, ebenfalls seltsam. Ich sah einen jungen Mann, der leise tanzte und einen Kuß in die Luft warf, er war sehr bleich und auch er lächelte seltsam, ich sah junge Mädchen, die die Lippen öffneten und ohne Laut sangen. Tag und Nacht könnte ich wohl erzählen, wollte ich all diese Menschen beschreiben, die ich gesehen habe. Alle waren sie allein mit einer kleinen Kerze, wach, während die andern schliefen, alle lächelten sie seltsam. Sie beschäftigten sich alle so sonderbar, lasen ohne zu lesen, sangen ohne zu singen, sie spielten, runzelten die bleichen Stirnen, lächelten, ihre Beschäftigungen waren mannigfacher Art, sie bauten Kartenhäuser, einer hatte ein dickes Buch in Zettel geschnitten und mühte sich damit ab es wieder zusammenzusetzen. Sie waren alle allein. Verstehen Sie?“

„Ah!“ sagte Adele und sah rasch auf. „Es waren die einsamen Menschen der Erde, die Sie sahen. Wie merkwürdig!“

Grau nickte. „Ja, ich denke es. Aber weit merkwürdiger ist es, daß ich wußte, was die Menschen dachten. Vergessen Sie nicht, daß es ein Traum war. Nun habe ich seitdem — es ist ja sechs Jahre her — die meisten dieser Gesichter in Wirklichkeit gesehen, oder es wird richtiger sein, im Traum sah ich alle Gesichter, die ich in der Wirklichkeit gesehen hatte, ein wenig verschieden vielleicht — kurz und gut, ich sage, ich sah die meisten dieser Gesichter in Wirklichkeit und es schien mir nun, als wisse ich, was sie ausdrückten. Ich sehe ein Gesicht auf der Straße und es erinnert mich an eines jener Gesichter im Traume — aber ich wollte das ja nicht sagen, Pardon.“

„Fahren Sie doch fort!“ sagte Adele.

Grau lächelte leise, schüttelte nachdenklich den Kopf und sagte: „Wie sonderbar aber ist es doch, daß wir im Antlitz des Menschen zu lesen wünschen! Daß uns jeder Mensch so sehr beschäftigt, daß wir wissen möchten, wie er ist!“

„Ja, wie eigentümlich ist das,“ sagte Adele und blickte Grau an. „Man sagt, an den Augen erkenne man den Menschen am besten. Wie meinen Sie?“