„Spione vor die Tür!“ sagte Eisenhut leise und räusperte sich! „Nicht wahr? Spione vor die Tür!“ wiederholte er und klopfte dem leichenblassen Lehrer auf den Arm. Der riß die Augen auf und sah ihn verständnislos an.
Das Spiel machte einige Runden. Der Chinese schrie und brüllte und trieb zur Eile. Am eifrigsten spielte Eisenhut. Er saß da, lächelnd, blinzelnd, er schrie, fluchte und trank mehr als alle andern. Er war erstaunt, das Glas immer leer zu finden, goß immerzu ein, schrie nach der Sektbowle! Ja, Himmel und Hölle: Die Sektbowle! Lustig sein, fröhlich sein! Hier und da wandte er den Blick auf Grau, der ruhig und heiter dasaß und mit seinen hellen Augen das Spiel verfolgte. Ihre Blicke begegneten sich dann und wann, und Eisenhut grub seinen Blick stets messerscharf in Graus Augen, verzog das Gesicht und wandte sich mit einem leisen inneren Lachen ab. Es schien, als ob ihn zuweilen ein Schwindelgefühl zu übermannen drohe, er heftete die Augen auf die Karten und zählte die Points unsicher und falsch.
„Sie werden doch wohl nicht betrügen, Eisenhut!“ schrie der Chinese. „Das ist ja eine Sieben! Oder sind Sie betrunken?“
„Noch nicht, noch nicht!“ kicherte Eisenhut. Da fiel ihm die Bank zu und er begann fieberhaft zu spielen. Nun schien nichts mehr für ihn vorhanden zu sein als dieser Tisch, der von verschüttetem Punsche tropfte und mit Asche und Zigarrenresten bedeckt war. Er beugte das Gesicht bis auf die Tischdecke herab, gab die Karten, mischte und ließ seine kleinen glitzernden Augen im Kreise wandern. Er lachte, wenn er gewann, und er lachte, wenn er verlor. Ja, er schien es darauf anzulegen zu verlieren. Er sah nichts mehr als die Hände, die nach den Karten griffen, Geld hin und her schoben, alle diese verknitterten, beschmutzten Manschetten, die Haare auf den Händen des Amtsrichters und den silbernen Armreif, den Herr von Hennenbach trug.
Nur zuweilen atmete er tief auf, schüttelte den Kopf, starrte vor sich hin, um sofort wieder das fieberhafte Wesen anzunehmen.
Herr von Hennenbach verlor. Grau sah, wie die Röte aus seinen Wangen wich und verstärkt wiederkehrte, als ihm plötzlich ein hoher Gewinn zufiel, um wieder langsam zu verschwinden, da zwei, drei erfolglose Einsätze den Gewinn zerstreuten. Er legte sich in den Stuhl zurück und suchte hastig in allen Westentaschen. Dann beugte er sich zu Eisenhut und flüsterte ihm ins Ohr. Aber Eisenhut meckerte, sah ihn mit einem schnellen haßerfüllten Blicke an und schrie: „Ich gebe nichts mehr!“ Darauf erhob sich Herr von Hennenbach und sagte: „Ich habe dich leise gefragt, du hast mir leise zu antworten!“
„Ich tue, was ich will!“ erwiderte blinzelnd Eisenhut und mischte rasend die Karten.
Herr von Hennenbach schnalzte mit der Zunge. „Ich bin bankerott!“ sagte er und verließ das Zimmer.
„Auf das Wohl Bismarcks, des Deutschen Reiches großen Baumeister!“ lallte Redakteur Heinrich und lud mit einem Schmunzeln das Glas auf dem Tische ein, ihm in die Hand zu laufen. Er gab sich einen Ruck und ergriff das Glas. „Auf das Wohl des Alten aus dem deutschen Eichenwalde, Ritter ohne Furcht und Tadel, des Deutschen Reiches eiserner Kanzler, Barbarossas Erwecker — alles hoch, hoch!“
Der Adjunkt in Hemdärmeln lachte. „Schreibe den Festbericht für dein Käsblatt und halte das Maul!“ sagte er.