„Gerecht? Ich? Der Herr behaupten — eiei!“ Der Redakteur lachte belustigt.
„Nun ja,“ begann Grau, „diese Sozialdemokraten sind doch zumeist Arbeiter. Sie arbeiten für uns, sie bringen Geld ins Land —“
Der Redakteur steckte die Zungenspitze heraus. „Aber dafür bezahlt man ja diese Kerle!“ schrie er, Grau ins Wort fallend.
„Dann gebe ich mich zufrieden,“ sagte Grau. „Wenn man sie nur bezahlt und auch sonst menschlich behandelt —“
Redakteur Heinrich rückte näher. „Also sind wir einig, nicht wahr, wir sind einig, haben uns wiederum gefunden! Hoch! Prosit! Sie sagen, Sie sind nicht imstande die Situation zu überblicken? Ich werde mir erlauben — Nummer eins, Nummer zwei und drei — nieder mit der Sozialdemokratie, die mit schmutzigen Händen die heiligsten Güter der Nation betastet — Nummer eins — man bezahlt sie und fertig damit, fort mit dem Gesindel — Nummer eins, sage ich, Nummer zwei — nieder mit den Juden, die das germanische Blut saugen — Sie lächeln, ja bitte, darf ich bitten — Sie lächeln — nun, ich denke Sie sind ja doch kein Jude, nicht wahr — oder? — hier, Herr Doktor Nürnberger, er ist Jude — aber er ist Antisemit — wie jeder gebildete anständige Jude, den der deutsche Geist bestrahlt hat — kurz und gut — ich spreche wie ein echter deutscher Mann spricht — Nummer drei, vier und fünf — nieder mit den Ultramontanen, die deutsches Geld nach Rom schleppen und die Tugend unserer Frauen und Töchter gefährden — Sie lächeln? Ist es etwa nicht wahr? Ja, mein Gott, ich wage es ja nicht, die Kirche, welche es auch sei — denn ich bin ja tolerant — mit meinem kleinen Finger anzutasten — Kirche und Thron — prosit! — hoch! — aber der Ultramon — Ultramon —“
Er quälte sich ab, das Wort auszusprechen, aber zur großen Heiterkeit aller brachte er es nicht fertig.
„Ultramon —“
Der Chinese lachte laut heraus. „Habe ich es Ihnen nicht gesagt, lassen Sie sich in kein Gespräch mit ihm ein. Er ist ein prächtiger Mensch, unser Redakteur Heinrich, aber sobald er ins Reden kommt wird er ungenießbar. Nun ist ihm Gott sei Dank ein Wort im Halse stecken geblieben. Er hat sich auf Sie geworfen, weil er mit uns kein Geschäft mit seinen Phrasen machen kann. Wir sind gar nicht für Politik, wir kümmern uns um nichts. Was liegt uns daran, was sie mit dem ganzen heiligen Bierstaat machen? Frage ich Sie? Hol mich der Teufel, nichts! Wir bezahlen unsere Steuern, weil wir müssen, fertig damit. Mögen sie da droben wirtschaften, wie sie wollen, das geht uns ja nichts an. Wie beliebt? Sagten Sie etwas? Nun, haben Sie keine Angst, welcher Partei Sie angehören, das weiß ich nicht, ich bekümmere mich auch nicht darum. Frei sind wir, frei, keine Parteifanatiker, wir tun unsere Arbeit, man bezahlt uns, fertig. Wir leben, wir sind Menschen. Partei ist Unsinn — wir alle hier sind Individualitäten — Aristokraten, basta! Ich setzte drei Mark, Eisenhut. Habe fünf!“
„Wie sagten Sie?“ fragte Grau, als ob er nicht gehört hätte.
„Ultramontanismus! Ultramontanismus!“ schrie laut triumphierend der Redakteur. Er hatte das Wort vor sich auf den Tisch geschrieben.