Grau sah ihn an, dann fuhr er fort: „Auf jeden Fall ist es mir unmöglich, Ihre kritiklose Begeisterung zu teilen, meine Herren. Ich wiederhole nochmals, die Epoche ist hochinteressant, trotzdem kann ich nicht in Entzücken geraten über unsere Zeit. Vielleicht verstehe ich die Zeit nicht recht, aber ich darf wohl meine Meinung sagen, nicht wahr? Sie sagen, wir hätten das Mittelalter hinter uns, ich glaube das nicht, ich glaube es nicht ganz.“

„Wie? Aber —“

„Lassen Sie Herrn Grau reden, Herr Professor!“

„Nein, ich glaube es nicht ganz. Sondern ich glaube, daß wir in vieler Beziehung tief im Mittelalter stecken. Die Welt ist etwas reinlicher geworden, ja, das ist gut, wir haben Bahnen und Schnelldampfer, auch das ist ganz hübsch, wir haben eine Menge neuer Dinge, aber sind es wesentliche, wertvolle Dinge? Ich sage nein. Entschuldigen Sie, es ist meine bescheidene Ansicht. Sie erlauben doch, nicht wahr? Es kommt mir so vor, wenn ich es sagen darf, ich blicke auf unsere Justiz, auf unsere sozialen Verhältnisse, die Stellung der Frau, auf eine Menge Dinge. Das Beil hängt noch über ganz Europa, ach, ich brauche mich ja nicht auf Einzelheiten einzulassen, es gibt keine Leibeigenen mehr, nein, auf dem Papier existieren sie nicht mehr, aber es gibt Millionen Sklaven des Kapitalismus, wir haben das alte Kastenwesen, privilegierte Stände — und selbst die aufgeklärten und vornehmen Menschen, die meisten wenigstens, die ich kenne — treten die Privilegien des Standes an, in dem sie geboren sind, ohne weiter darüber nachzudenken. Die gleichen, nahezu die gleichen Ideen regieren — mit dem einen Unterschied, daß sie jetzt hohle Formen geworden sind, während sie früher wirkliche Kräfte waren. Kurz und gut, ich könnte Ihnen hunderte von Dingen aufzählen, die um kein Haar anders sind als sie im Mittelalter waren — vielleicht sehen sie etwas anders aus und vielleicht sehen wir sie anders, weil wir dicht vor ihnen stehen. Aber — und nun hören Sie — ich glaube, es ist ja nur meine Ansicht — eines haben wir verloren: Die Überzeugung, die das Mittelalter besaß, die Tiefe, den ganzen Mystizismus, die wilde und schöne Atmosphäre. Ja, Sie lachen, Gott, wie gesund und gut Sie lachen können, das freut mich, Sie sind ein guter Mensch, lachen Sie ruhig, es ist ja nur meine Ansicht. Sie sprechen von unserer Zeit, nicht wahr, vor hundert oder achtzig Jahren sah es viel besser in der Welt aus glaube ich, besonders in Deutschland.“

„Halten Sie ein!“ unterbrach ihn der Chinese. „Entschuldigen Sie, daß ich Sie unterbreche: Nehmen Sie mir auch mein Lachen nicht übel. Ich lache und wir alle sind ja in guter Stimmung, hurra, hoch! Ja, wir sind alle gut aufgelegt. Eisenhut könnte die Bank nach und nach abgeben, er wird langweilig mit der Zeit! Wir brauchen — ja, was sagen Sie doch — tiefe Überzeugung, Mystizismus — ja, gehen Sie doch in die Hölle damit — Sie verzeihen meine starken Ausdrücke, es ist die Stimmung —“

„Bitte, bitte!“ sagte Grau lächelnd. „Ich verstehe sehr wohl —“

„Wir sind ja gerade froh, daß wir all das los haben, Hochwürden! Es macht mir Freude, Ihnen zuzuhören, mit Ihnen zu sprechen, aber was sagten Sie doch alles? Es scheint mir doch, daß Sie den modernen Zeitgeist wenig spüren und ein bißchen altmodisch sind, Herr Grau, hahaha!“

Grau lächelte. Er könne recht haben, vielleicht sei er ein wenig altmodisch. Mindestens sei er sehr langsam, sehr schwerfällig. Aber wenn Herr Professor sich etwas Mühe gäbe.

Professor Richter räusperte sich und nahm einen tiefen Schluck. „Wir sind moderne Menschen, mein Freund,“ sagte er. „Modern bis auf die Knochen. Ein moderner Mensch, haben Sie eine Vorstellung von einem modernen Menschen? Ich will es Ihnen sagen. Ein moderner Mensch, das ist ein Mensch dieser Zeit der Aufklärung, ein freidenkender, toleranter Mensch, dem es ganz einerlei ist, was der andere tut, er kann tun und lassen, was er will und soll schauen, daß er zurecht kommt, ein Mensch ohne Aberglaube und utopistische Träume und schwächliche Ideale, ein Mensch mit einem gesunden Egoismus und einer gesunden Sinnlichkeit, ein Mensch, der sich nicht schämt ein Mensch zu sein — bei allen Teufeln in der Hölle — eben ein Mensch mit gesunden Sinnen und kein Phantast, kein Mönch, kein Spießbürger — sondern ein Einzelwesen, ein Individuum — ja, zum Henker — das ist der moderne Mensch. Ich habe mich wohl deutlich genug ausgedrückt, wie?“

„Danke, ja!“ Grau sah den Chinesen an. „Lassen Sie mir etwas Zeit, ich muß all das überlegen. Ich denke sehr langsam, das ist es. Als ich jung war, fiel mir einmal eine Leiter auf den Kopf und seitdem muß ich langsam denken.“