„Also unsere Zeit findet keine Gnade vor Ihren Augen? Seht an, seht an!“ begann er von neuem.

Grau antwortete nicht zugleich. Er war müde von dem ewigen Geschwätz, übrigens beschäftigten ihn auch andere Gedanken, gerade jetzt.

„Bitte?“ sagte er. Er lächelte. „Gerade vor meinen Augen? Ich bin ja nicht befugt, zu urteilen und zu richten. Aber wenn Sie mich fragen, so kann ich wohl antworten, daß ich nicht ganz zufrieden bin. Man arbeitet, man sucht, ja, gut, ich müßte ein Tor sein, wollte ich das leugnen, unsere Zeit bereitet gewiß eine andere vor, die einen höheren Wert besitzt. Wie es gegenwärtig aussieht — nein, ich kann nicht zufrieden sein. Ganz und gar nicht. Vielleicht hat es noch nie eine Kultur gegeben, die so tief stand wie die Kultur unserer Zeit. Sie lächeln? Ja, erlauben Sie mir, so scheint es mir. Andere Zeiten und Völker hatten ja nicht die grandiosen Kulturvorbilder wie wir sie haben. Trotzdem. Eine gewaltige Bewegung, ein Rausch, eine Begeisterung, Ideale? Nun? Wo sind sie? In Europa? Der Träger der Kultur ist meines Erachtens in unserer Zeit nicht Europa. Auch das belustigt Sie? Ich äußere meine Ansicht selbst auf die Gefahr hin, daß ich mich vor den Herren lächerlich mache und immer mehr und mehr altmodisch erscheine. Es ist doch ein Gespräch, nicht wahr? Was weiter? Ja, so scheint es mir. Europa ist sicherlich das reinlichste und zivilisierteste Stück Erde, natürlich. Große Gefühlsströmungen — wir haben das Mittelalter gehabt, mit einem großen Rausch, Sehnsucht nach Erlösung, Befreiung, wie haben doch die Menschen damals gefühlt? Ich weiß, daß Sie den Mönchen gegenüber nicht freundschaftlich gesinnt sind — aber der Gedanke des Mönchtums war doch tief. Oder? Ich weiß, daß man allgemein den Gedanken kurzerhand abtut — aber wenn man nachdenkt? Er ist doch tief. Die Märtyrer — die Fakire und Derwische — zu welchen Taten sind sie fähig gewesen, und die Fakire vollbringen heute noch die unglaublichsten Dinge. Was ist Gefühl, was ist Mysterium, Wunder, Tiefe? Freundschaft, Liebe? Religiöses Empfinden? Sehen Sie sich um? Nun, gewiß, ich erscheine Ihnen vielleicht altmodisch, weil ich mich danach umsehe. Übrigens weiß ich wohl, daß all das noch existiert, aber nicht als Bewegung, als allgemeine Empfindung. Wir haben viel Anerkennungswertes in unseren Tagen, aber wissen Sie, woran es uns vor allem fehlt?“

„Bitte?“

„An seltenen Tugenden, großen Gefühlen und außerordentlichen Eigenschaften.“

„Hahaha. Fahren Sie fort! Auf das Wohl der Fakire und heulenden Derwische!“

Grau erhob das Glas. „Auf ihr Wohl!“ sagte er. Und er fuhr fort: „Wir haben in unserer Zeit eine Art von Bequemlichkeit, die mir bedenklich erscheint. Wenn ich richtig beobachte, so ist man im allgemeinen geneigt sich ohne jegliches tiefere Nachdenken den ärmlichsten und trivialsten Lebensanschauungen anzuschließen — zum Beispiel dem Materialismus, Atheismus und so weiter. Und wissen Sie warum? Weil es so einfach, so nüchtern ist, weil man nicht zu denken braucht und weil diese Anschauungen so gar keine Anforderungen stellen. Das erscheint mir so ärmlich und trivial und das ganze Leben ist so geworden, selbst die Literatur, sehen Sie sich die Literatur an, wie trivial ist sie doch zum größten Teil geworden, die Feste, jede Lebens- und Gesellschaftsform beinahe! Trotzdem,“ fügte er hinzu, „ist unsere Zeit wertvoll, weil sie mit ungeheurer, wenn auch verborgener Kraft, eine neue, grandiose Kultur vorbereitet!“

Hier aber brach ein lautes Geschrei aus. Der Lehrer nämlich war langsam vom Sofa geglitten und unter den Tisch gefallen. Er schlief und man hörte ihn laut schnarchen.

Auch Adjunkt Kaiser war eingeschlafen. Sein Kopf lag mit dem Kinn auf der Brust und die Oberlippe stand läppisch vor. Aber er hielt seine Karten tapfer in der Hand und öffnete immer ein Auge, sobald die Runde an ihn kam. Das erriet er stets. Die Stimmen der Spieler wurden leidenschaftlicher, rauh und betrunken. Zuweilen trat eine Pause ein, da alle anfingen müde zu werden. Dann hörte man das Wiegen der Musik im Saale, die Geigen, die Klarinetten, die Pauken. Manchmal kam die Musik bis dicht an die Türe, kicherte durch die Spalten, verschwand in der Ferne und wiegte sich heiter.

Dann sah Eisenhut auf und starrte zur Türe.